Wien: Künstlergruppe lädt zu Dreier mit dem Tod

28. November 2013, 14:19
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Am Freitag werden 22 Menschen lebendig begraben und dabei beim Liebesspiel gefilmt

Angestrengt schaufelt Michael Schrems Erde. Über eine Holzrutsche fällt diese in das Kellergewölbe des Kunst- und Kulturvereins Schwelle7 im neunten Wiener Gemeindebezirk. Schrems steht dabei auf einem Podest am Ende des Raumes und verteilt die Erde auf einem Holzsarg, der unter einem Kronleuchter in den Boden eingelassen ist.

Lebendig begraben

In dem gruftartigen Raum findet jedoch keine richtige Beerdigung statt. Schrems bereitet den Sarg für den "Six Feet Under Club" vor, den die Künstlergruppe monochrom hier am Freitag abhält. Dabei werden 22 Leute - großteils Paare - lebendig begraben. Die Holzkiste wird zuerst zugeschraubt und danach von drei "Hauptbegräbnismeistern" mit Erde bedeckt, erklärt Johannes Grenzfurthner, Künstler und Leiter des Projekts.

Mit einer Nachtsichtkamera wird auf einer Leinwand live gezeigt, was im Sarg passiert. Dieser soll ein geschützter Raum für sexuelle Intimität sein, während draußen eine Party stattfindet. Ob die Kamera währenddessen ein- oder ausgeschaltet wird, entscheiden die Begrabenen.

Alle Stellungen möglich

"Im Prinzip sind im Sarg alle Stellungen möglich, die Leute müssen halt ein bisschen kreativ sein", so Grenzfurthner. Generell könne die Aktion auch als wissenschaftliche Untersuchung über den hohen Wert der "sexuellen Privatsphäre" in unserer Gesellschaft gesehen werden.

"Es gibt unglaubliche Privatsphäre-Fanatiker, die aber auf Facebook alles von sich preisgeben", sagt Grenzfurthner. Was Sexualität betrifft, seien die Menschen viel weniger freizügig als bei anderen persönlichen Informationen.

"Bis der Tod euch scheidet"

Auch das heilige Sakrament "Bis der Tod euch scheidet", das heute noch als gesellschaftliche Norm gilt, kann durch eine gemeinsame Beerdigung im Sarg in Erinnerung gerufen und weitergedacht werden. Am Freitag führt monochrom aber nicht zum ersten Mal Beerdigungen lebendiger Personen durch. Die Gruppe hat bereits im Jahr 2005 mit der Kunstaktion begonnen.

Gestartet wurde das Projekt in Städten wie San Francisco oder Toronto. Im April 2013 fand "The Experience Of Being Buried Alive" zum ersten Mal in Wien, im Musa (Wiener Museum auf Abruf), statt. Begleitet wurde die Aktion von einem Vortrag über Lebendbegrabungen. Die Angst davor sei aus einer Medienhysterie im 19. Jahrhundert entstanden, erklärt Grenzfurthner.

"Sex im Sarg" in Wien

Schon während der Ausstellung im Musa habe man sich überlegt, die Beerdigung dahingehend zu erweitern, dass sich Paare gemeinsam begraben lassen, sagt Grenzfurthner. Doch vonseiten des Museums wurde der Gruppe nahegelegt, das lieber sein zu lassen.

Trotzdem wollte man an der Idee festhalten, die Veranstaltung auch in Wien abzuhalten. Den geeigneten Rahmen dafür fand monochrom schließlich in der Schwelle7. Der Kunst- und Kulturverein ist seit einem Jahr in einem Kellergewölbe im neunten Wiener Gemeindebezirk eingemietet.

Raum für sexuelle Entwicklung

"Bei uns gibt es Platz für Dinge, die sonst nirgends Platz haben", sagt Michael Schrems, Mitgründer der Schwelle7. In den Räumlichkeiten gibt es Workshops, Diskussionen und Events zu den Themen Sexualität, Persönlichkeitsentwicklung und Selbsterfahrung. "Die Schwelle ist ein geschützter Ort, in dem Dinge in einem sicheren Umfeld ausprobiert werden können", sagt Schrems.

Erprobt wurde das Konzept "Sex im Sarg" bislang nur einmal im Jahr 2010 in San Francisco. Bei den Beerdigungen sei es laut Grenzfurthner noch nie zu Zwischenfällen gekommen, noch nie habe jemand im Sarg Panik bekommen.

Unproblematischer respektvoller Voyeurismus

Auf der Begräbnisliste für Freitag stehen mittlerweile 22 Personen, es können keine Anmeldungen mehr entgegengenommen werden. Drei Beerdigungen werden jedoch noch bei der Veranstaltung an Interessierte verlost. Für die zu Beerdigenden ist der Eintritt in die Schwelle7 frei, die anderen Partygäste müssen zehn Euro bezahlen.

"Ich werde oben an der Tür aufpassen, dass keine Creeps reinkommen", sagt Schrems. Voyeure sind aber willkommen. "Die meisten kommen, um zu gaffen. Solange es sich um respektvollen Voyeurismus handelt, habe ich damit kein Problem", sagt Grenzfurthner. (Elisabeth Mittendorfer, derStandard.at, 28.11.2013)


Zum Thema:

monochrom

Schwelle7

  • monochrom bei einer Beerdigungsaktion.
    foto: igor mazic

    monochrom bei einer Beerdigungsaktion.

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