"Ich möchte wieder eine Studentin werden"

27. November 2013, 21:53
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Die französische Sopranistin Natalie Dessay im Gespräch

Wien - Singen ist Hochleistungssport, und der internationale Opernzirkus ist ein unbrmherziges Geschäft. Da streiken mitunter die Stimmbänder, da streikt mitunter auch die Seele. Immer öfter nehmen sich Opernstars Auszeiten. So hat in Frankreich Natalie Dessay der Opernbühne größtenteils Adieu gesagt; und sie tourt gerade mit der Filmmusiklegende Michel Legrand.

Frei fühle sie sich jetzt, meint der Koloraturstar. Die Zusammenarbeit mit Legrand sei eine ganz wunderbare Sache. Vor drei Jahren hat ihr Laurent Pelly, Intendant am Théâtre National de Toulouse, eine Carte blanche für ein Programm am Haus gegeben, und Dessay wünschte sich einen Abend mit Legrand. Für über 200 Filme und TV-Produktionen hat der Franzose die Musik geschrieben und wurde unter anderem mit drei Oscars und fünf Grammy Awards bedacht.

70 seiner Lieder habe ihr Legrand vorgespielt, erzählt Dessay, zwanzig habe sie ausgesucht. Auf ihrer gemeinsamen CD Entre elle et lui sind 18 zu hören, Nummern aus den Filmen Les Parapluis de Cherbourg und Les Demoiselles de Rochefort, aber auch der Klassiker What Are You Doing The Rest Of Your Life oder der legendäre Song Papa Can You Hear Me? aus dem Musical Yentl, welches von Barbra Streisand auch verfilmt wurde.

Mehr Streisand als Bruni

Dessay singt die Lieder, dem Herrn sei es gedankt, ohne Operntimbre, und ihre Chansonstimme ist glücklicherweise näher dran an der von Streisand als an jener Carla Brunis. Die Streisand sei ihr natürlich ein Vorbild gewesen, so Dessay, wenn sie die Allergrößte auch nie zu kopieren versucht habe. Zu Beginn sei es ihr schwergefallen, mit dem Mikrofon zu arbeiten. Aber das Ziel sei ja in der Oper wie bei den Songs ident: Momente der Intimität mit dem Zuhörer schaffen. Nur die Technik, wie man dies elektronisch unterstützt erreicht, sei eine andere.

Dessay singt auf eine sanfte, weiche, leichte Art, Legrand perlt am Klavier - wenn der 81-Jährige nicht gerade selbst mitsingt - um die Melodien herum. Mal werden romantische, mal leichtfüßig-komödiantische Töne angeschlagen, man sehnt sich spontan nach Cocktails oder nach einem Wochenendtrip nach Paris. Das Projekt mit Legrand ist nur eine von vielen Sachen, die noch kommen werden: Dessay singt Liederabende in den USA, sie wird bei einer Lesung von James Joyce' Ulysses mitmachen, aber auch in Madrid noch eine Regimentstochter singen.

Der Mangel an neuen, auch altersadäquaten Rollen in ihrem Fach sei der Beweggrund für ihren Opernrückzug gewesen, so die 48-Jährige. "Schon am Anfang war es immer mein Ziel, auf der Bühne zu spielen", meint Dessay, "und ich wollte Neues lernen. Zum Ende meiner Zeit auf der Opernbühne habe ich aber gemerkt, dass das hier nicht mehr möglich ist. Das soll sich durch meine neuen Projekte ändern: Ich möchte wieder eine Studentin werden."

Auf ihre Karriere blickt sie mit Freude zurück: "Ich hatte sehr viel Glück, ich konnte tolle Rollen singen, in tollen Produktionen, mit interessanten Kollegen." Aber sie schaut lieber noch vorn, so etwa zu ihrem Auftritt im Wiener Konzerthaus: "Ich bin so froh, wieder hierher nach Wien zurückzukommen. Es wird wahrscheinlich sowohl für mich als auch das Publikum in diesem Rahmen eine ungewohnte Sache sein. Aber ich freue mich sehr."  (Stefan Ender, DER STANDARD, 28.11.2013)

Natalie Dessay und Michel Legrand sind am 1. 12. ab 19.30 Uhr im Konzerthaus zu erleben. 

  • Singt mit Michel Legrand dessen Hits - Natalie Dessay.
    foto: s. fowler

    Singt mit Michel Legrand dessen Hits - Natalie Dessay.

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