Anders in Kroatien

Glosse27. November 2013, 05:30
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In Meidling gibt es ein ganz kleines Theater, fast am Ende der Aichholzgasse. Dort sehe ich ein Stück über "das Anderssein". In Kroatien sehe ich ebenfalls ein Stück Theater. Gegen das Anderssein

Es ist, wie man in Wien so sagt, "aa braater Weg" von Meidling nach Kroatien. Vom kleinen Theater in meiner Gasse bis zur kyrillischen Schrift, dem Referendum über die Ehe und bis zu Josip "Joe" Šimunić.

Yvonne die Burgunderprinzessin

In Meidling geht es um einen launischen Prinzen, den das Prinzsein langweilt. Ganz besonders langweilig sind ihm all die willigen und verfügbaren schönen, jungen Frauen. Der Prinz beschließt das hässlichste Mädchen im Reich zu seiner Verlobten zu machen. König, Königin, Hofstaat und Freunde sind entsetzt. Ein Skandal muss vermieden werden, also wird die schweigende Yvonne wie ein Haustier dressiert, Prinzessin, Gattin und später Königin zu sein. Doch alle Umerziehung scheitert an Yvonnes Andersartigkeit. Sie ist wie sie ist. Und bleibt so.

Der Prinz findet zu einer neuen Laune, diesmal blond, schön, jung und willig. Yvonne wird entlobt. Und soll ermordet werden.

Krieg der Buchstaben

Einer schreibt: "Ans Auto binden und durch ganz Vukovar schleifen!" Ein Anderer: "Messer, Hals und auf der Straße krepieren lassen!". Ein Dritter: "Wir wünschen ihm einen baldigen und schmerzhaften Tod!" Und viele, viele mehr schreiben auf den bekannten sozialen Netzwerken ähnliches aus dem Katalog möglichst unmenschlicher, schmerzhafter und entwürdigender Hinrichtungsmethoden. Fast alle Zeitungen Kroatiens veröffentlichen täglich neue "Vorschläge". Doch es sind keine serbischen Četnici, die 1991 solches öffentlich fordern und manchem kroatischen Bewohner Vukovars auch antun. Es sind kroatische Bürger 2013, die eine barbarische Hinrichtung an einem anderen Bürger Kroatiens, einem Bewohner Vukovars, fordern.

Der bisher nur verbale Ausbruch von Barbarei hat ein Vorspiel. Kurz zuvor fließt Blut im Streit über die kyrillische Schrift (Ćirilica) auf öffentlichen Gebäuden in Vukovar.  Diese eck´ert´n und ohrwaschlat´n Buchstaben, so sagen die Gegner der Ćirilica, sind die Schrift der Befehle zur Pulverisierung Vukovars. Gleichzeitig soll der Polizist S.S. in Ausübung seiner Pflicht diese Buchstaben vor einem Vandalen beschützen. Der Vandale ist der ehemalige Verteidiger Vukovars D.P., der abgefüllt mit Patriotismus und  gemessenen 2,7 Promille loszieht, um Vukovar vor der kyrillischen Schrift zu beschützen.

Wie es kommt, dass der betrunkene Verteidiger am Beton landet und gefährlich verletzt wird, ist noch immer nicht geklärt. Er soll volltrunken gestolpert sein oder er soll vom Polizisten S.S. niedergestoßen worden sein. Die Krieger gegen die Ćirilica, jedenfalls, entscheiden sich ohne lästiges Abwarten zur Wahrheitsfindung, für die zweitgenannte Version und erläutern den Journalisten in einer Pressekonferenz den wesentlichen Nebenaspekt. Das ist neben der vollständigen Namensnennung des Polizisten, der Fakt, dass dieser der Sohn eines serbischen Angreifers auf Vukovar ist. Also im Blut sozusagen, genetisch sozusagen, irgendwie sozusagen, aber  jedenfalls unreparierbar,  ist dieser Mann eben anders als "rein Kroatisch".

Unterdessen, nachdem nun der Name des Polizisten bekanntgemacht ist, fügen die präsumtiven Rächer und Henker unter den Buchstabenkriegern zu ihren Mordaufrufen die Adresse des dreisten Serben, sein Foto und die Namen seiner Frau und seiner Kinder hinzu. Man kann nur ahnen, ob die Schreiber auch diese Frau und diese Kinder hinter einem Auto durch Vukovar schleifen wollen oder ihnen allen dreien die Kehlen durchschneiden und sie auf der Straße krepieren sehen wollen oder diesen drei Mitmenschen einen baldigen und schmerzhaften Tod wünschen. Sicher ist nur, dass diese Hassflut nicht von einigen, wenigen, Gestörten, sondern von Tausenden gespeist wird.

Inzwischen lebt S.S. und seine Familie unter Polizeischutz. D.P. geht es soweit wieder gut und er wird bald an allen Aktionen gegen die Ćirilica in Vukovar und woanders in Kroatien teilnehmen. (Quellen: Jutarnji List, Večernji List, Slobodna Dalmacija, Novi List)

Mama, Papa, Kind – und sonst nichts!

Ich muss an dieser Stelle den Journalisten, deren ich keiner bin, meine Hochachtung aussprechen. Die Rede ist von jenen kroatischen Journalisten zahlreicher großer und kleiner Medien, darunter auch "Jutarnji List", eine der größten kroatischen Tageszeitungen, die dieser Tage beschließen, kostenlosen Anzeigenraum gegen eine Referendum zur Änderung der kroatischen Verfassung zur Verfügung zu stellen. Damit stehen diese Journalisten aufrechter Wirbelsäule gegen den Willen von über 700.000 Kroaten, die fordern, dass die Ehe in der Verfassung Kroatiens ausschließlich als Gemeinschaft von Mann und Frau definiert sein soll.

Diese 700.000 von insgesamt etwas über vier Millionen Kroaten werden von einer Frau angeführt, und charismatisch begeistert, die dieser Tage in einem Interview sagt, sie würde ein Kind lieber in ein Heim geben als einem gleichgeschlechtlichen Ehepaar zur Adoption. Željka Markić scheint eine Mission zu haben, deren Wegmarken die Mitgliedschaft in nebulösen katholisch-klerikal-rechten kroatischen Splitterparteien und Organisationen sind. Ihre Botschaft ist simpel: Ehe wird von Mann und Frau geführt, alles andere ist einfach unnatürlich! Punkt! Erstaunlich, wie man mit dieser Dummdreistigkeit 16 Prozent der Kroaten gegen zwei bis drei Prozent  andersartiger, womöglich unnatürlicher, Kroaten aufbringen kann.

Dieser Tage stellen auch viele kroatische Medien ihre Kommentarfunktionen im Netz ein. Weil ihre Redakteure wegen ihres Eintretens für das grundlegende demokratische Prinzip, dass eine Mehrheit nicht über die Rechte von Minderheiten willkürlich entscheiden kann, mit dem Tode bedroht werden. Doch anders als bei S.S. dem Polizisten aus Vukovar, wird hier nicht anonym Journalisten und Homosexuellen gedroht, sondern mit voller Namensnennung und Foto auf den bekannten sozialen Netzwerken. "Jutarnji List" hat einige davon veröffentlicht. Mit Namen und Fotos. Des Wortlautes Auswahl zusammengefasst in einer Wurst: "Ihr Tiere, man sollte euch alle anzünden! Tötet, schlachtet, auf das der Schwule stirbt! Man sollte alle umbringen! Ihr gehört auf eine Insel, damit ihr die anderen nicht ansteckt! Schwul-kommunistisches YUtarnji List!". (Quellen: Jutarnji List, Večernji List, Slobodna Dalmacija, Novi List)

Der Ball ist rund, das Tor Eckig! Alles klar?

Mehr als das muss der Fußballstar Josip Šimunić nicht über das Leben wissen. Und er weiß es nicht. Dass wird klar, als er nach einem überwältigenden Sieg des kroatischen Nationalteams das Mikro an sich reißt und brüllt: "Za dom!" Worauf ihm gut 30.000 Besucher im Maksimir-Stadion aus einer Kehle zurückbrüllen: "Spremni!". Das ist das Ustaša-Äquivalent zu "Sieg Heil!". Und später sagt Josip Šimunić: "Ich wollte das schon immer mal tun. Und mich kümmert es nicht, ob man mich dafür bestrafen kann. Ich bin ein Fan von Kroatien, meiner Heimat. Alle, die sich aufregen, sollten lieber die Geschichte studieren. Ich habe nichts Falsches gemacht.". (Quellen: La Gazetta dello Sport, Spiegel, Jutarnji List, Večernji List, Slobodna Dalmacija, Novi List,)

Ich habe Geschichte studiert (und Slawistik). Die Ustaša Bewegung ist nationalistisch, katholisch-klerikal-faschistisch, antisemitisch, rassistisch und totalitär. Unter ihrer Regierung von Hitlers Gnaden werden von 1941 bis 1945 Juden, Homosexuelle, Roma, orthodox-christliche Serben und politische und militärische Gegner in Konzentrationslagern ermordet. Zu hunderttausenden. Weil sie anders als katholisch-kroatisch sind. Zudem wurden tausende orthodox-christliche Serben zum Katholizismus zwangsbekehrt. Damit sie nicht mehr ganz so anders sind.

Der Vorhang fällt

Der Verteidiger D.P. verteidigt bald , wie gesagt, gänzlich unbehelligt (und mit voller Pulle) weiterhin Kroatien vor der kyrillischen Schrift, Josip Šimunić wird, soweit bekannt, von niemandem bedroht, Željka Markić hat keinen Polizeischutz, weil sie keinen braucht. Schutz brauchen vielmehr die 75 Prozent aller homosexueller Bürger Kroatiens, die schon Opfer von Gewalt wurden.

Sollte es jemals einen Kontext gegeben haben, in dem "Za Dom Spremni!" keine Parole der Massenmörder, Rassisten, Räuber und Zwangsbekehrer ist, seit 1941 bis heute und in alle Ewigkeit bleibt er das.  Und das älteste erhaltene Dokument in kroatischer Sprache ist die sogenannte "Povaljska listina". Sie wird heute in einem Museum auf der Insel Brač aufbewahrt und ist in einer Variante der kyrillischen Schrift mit eck´ert´n und ohrwaschlat´n Buchstaben geschrieben, die Slawisten als kroatische Ćirilica oder auch Bosančica bezeichnen.

Wie das Stück um Yvonne, die burgundische Prinzessin ausgeht, kann man in Meidling jeden Abend selbst sehen. In Kroatien wird es bis zur Dunkelheit nach dem Vorhang noch eine Weile dauern. Ob anschließend das Licht angeht, ist jedoch ungewiss. (Bogumil Balkansky, 26. 11. 2013, daStandard.at)

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