Geburtenkontrolle im Olivenhain

26. November 2013, 18:12
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Ein Biotech-Unternehmen will die Olivenfruchtfliege ausrotten: Gelingen soll dies mithilfe genetisch veränderter Männchen

Olivenbauern weltweit fürchten sie: Die Olivenfruchtfliege Bactrocera oleae, kurz auch Olivenfliege genannt. Sie legt ihre Eier in die reifenden Oliven, die daraus schlüpfenden Larven zerfressen das Fruchtfleisch. Jahr für Jahr verursachen die Schädlinge enorme wirtschaftliche Schäden.

In Zukunft soll Gentechnik die Olivenernte retten: Genetisch veränderte (GV) Olivenfliegen sollen ihre frei lebenden Artgenossen nach und nach ausrotten. Das britische Biotechnologie-Unternehmen Oxitec hat im September bei der spanischen Biosicherheitskommission einen entsprechenden Freilandversuch beantragt.

Erstes Freilandexperiment

Die GV Olivenfliegen sollen in der Nähe der Stadt Tarragona auf einem mit Netzen gesicherten Testgelände freigelassen werden. Bewilligt Spanien den Antrag, wäre es das erste Freilandexperiment mit genetisch veränderten Insekten in Europa. Die Ausdehnung der Feldversuche auf weitere Länder ist geplant.

"Ich kann mir gut vorstellen, dass Spanien die Testversuche genehmigt und würde das auch begrüßen", sagt Wolfgang Nentwig vom Institut für Ökologie und Evolution der Universität Bern, "es ist eine sehr sichere Methode und derzeit wohl die beste der Welt, um gezielt eine bestimmte Insektenart zu bekämpfen."

Die Methode ist raffiniert und eine Art Geburtenkontrolle für Schädlinge: Oxitecs Wissenschafter fügen Olivenfliegenmännchen ein zusätzliches Gen ein. Paart sich ein solches Männchen mit einem wild lebenden Weibchen, sorgt das eingeschleuste Gen dafür, dass der weibliche Nachwuchs noch im Larvenstadium stirbt.

Die Söhne hingegen überleben, geben das tödliche Tochtergen bei einer Paarung aber ebenfalls weiter. Mit der Zeit schrumpft also die Zahl der Weibchen und damit die Anzahl der Nachkommen. Theoretisch ließe sich damit die Schädlingsart auslöschen.

Bei der Methode handelt es sich um die Weiterentwicklung der sogenannten Sterile-Insekten-Technik (SIT), die Spanien seit Jahrzehnten anwendet. Dabei sterilisieren Biologen gezüchtete Olivenfliegenmännchen durch radioaktive Strahlung. Farmer setzen die sterilen Fliegenmännchen dann in Massen frei, um die wilden Männchen zu verdrängen.

Paaren sich die Weibchen mit den sterilen Männchen produzieren sie keinen Nachwuchs, die Schädlingspopulation schrumpft. "Das Problem bei dieser Methode ist, dass ein Teil der bestrahlten Tiere nicht völlig steril ist. Die Strahlendosis lässt sich aber nicht beliebig erhöhen, weil dann die Tiere zu stark geschädigt werden und sich die Freilandweibchen nicht mehr mit ihnen paaren", erklärt Nentwig. "Das Verfahren gilt insgesamt als teuer. Zudem ist sie der gentechnischen Methode unterlegen."

Besser als Gift

Da die SIT nicht sicher genug wirkt, stellen Olivenbauern zusätzlich Fallen auf oder sprühen Gift. Das ist einfach und wirksam, aber alles andere als umweltfreundlich: Denn Insektizide wirken unspezifisch, das heißt es sterben nicht nur Olivenfliegen, sondern auch viele andere Insekten, darunter auch nützliche. Hinzukommt, dass die Schädlinge mit der Zeit resistent werden, die Bauern also immer mehr Gift sprühen müssen - im Bioboom-Zeitalter wenig wünschenswert.

Nicht umsonst bewerben die Oxitec-Entwickler ihre Methode als "besonders umweltfreundlich". Tatsächlich könnten die Gentech-Fliegen den Einsatz von Gift überflüssig machen. Oxitec wird es dennoch schwer haben, die GV Fliegen in Europas Olivenhainen zu etablieren. Ein großer Teil der europäischen Bevölkerung lehnt Gentechnik in der Landwirtschaft kategorisch ab. Der Widerstand gegen die grüne Gentechnik etwa, also dem Anbau genetisch veränderter Nutzpflanzen wie Mais und Soja, ist so massiv, dass große Unternehmen wie Monsanto und Bayer sich aus Deutschland und der Schweiz zurückgezogen haben. Produkte aus genetisch veränderten Organismen (GVO) - etwa eine transgene Kartoffel die Industriestärke produziert - gelten als nicht vermarktbar.

"Die GVO-Industrie verhält sich oft mehr als ungeschickt. Bei so viel Lobbyarbeit und aggressivem Vorgehen entsteht leicht der Gedanke, dass man etwas zu verbergen hat", erklärt Nentwig. "Dabei gehören einige GV Nutzpflanzen inzwischen zu den bestuntersuchten Arten der Welt. Dort wo sie großflächig und lange angebaut werden, müsste man inzwischen negative Auswirkungen festgestellt haben. Das ist aber nicht der Fall." Ein Risiko für Mensch und Umwelt kann Nentwig auch bei den GV Olivenfliegen nicht erkennen.

Auch Oxitecs Geschäftsgebaren hat bereit Kritik hervorgerufen. Außer der Olivenfliege hat Oxitec die Mückenart Aedes aegypti genetisch verändert, ebenfalls mit dem Ziel, die wild lebende Population zu vernichten. Die Mücken übertragen das Denguefieber, eine Viruserkrankung an der laut WHO jährlich fünfzig bis hundert Millionen Menschen erkranken und 20.000 sterben.

Oxitec hat bereits Millionen der GV Mücken auf den Kaimaninseln und in Teilen Malaysias und Brasiliens freigelassen - und es mit der Aufklärung der Bevölkerung nicht so genau genommen. Während die britische Nichtregierungsorganisation GeneWatch vor unkalkulierbaren Umweltschäden warnt - die GV-Insekten könnten sich unkontrolliert ausbreiten, ihre Ausrottung dazu führen, dass andere Schädlinge oder Krankheitsüberträger sich vermehren - kritisieren Wissenschafter vor allem die forsche Vorgehensweise von Oxitec. 

Ungenügende Aufklärung

"Bevor man GV Tiere freisetzt, muss man die fundamentalen Fragen beantworten, die die meisten Menschen haben. Bei Blut saugenden Mücken etwa: Kann ich gestochen werden? Ist das gefährlich?", sagt Guy Reeves, Biologe am Max-Planck-Instituts (MPI) für Evolutionsbiologie in Plön. Gemeinsam mit Kollegen hat er Oxitec 2012 mangelnde Transparenz bei den Freilandversuchen und die ungenügende Aufklärung der betroffenen Menschen öffentlich vorgeworfen.

Dabei sorgen sich die MPI-Wissenschaftler nicht um den Einsatz transgener Insekten an sich, sondern darum, dass die Öffentlichkeit die "potenziell sehr nützliche Technologie" von vorne herein ablehnen könnte. Auch Nentwig betont: "Ich bin kein rückhaltloser Vertreter von GVO-Techniken. Aber es gibt eine Reihe von Einsatzbereichen, wo GVOs uns der Vision eines weniger umweltbelastenden Lebens ein Stück näher bringen können." (Juliette Irmer, DER STANDARD, 27.11.2013)

  • Nicht nur bei Menschen sind Oliven heißbegehrt, auch Olivenfruchtfliegen fliegen darauf und richten jährlich Millionenschäden an.
    foto: herbert kehrer/corbis

    Nicht nur bei Menschen sind Oliven heißbegehrt, auch Olivenfruchtfliegen fliegen darauf und richten jährlich Millionenschäden an.

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