Öde Stellvertreter und viel Dampf

26. November 2013, 18:06
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"Materialität" verhalte sich insbesondere in der Krise höchst instabil, findet Kurator Richard Birkett. Experimentelle Vergleiche zwischen Kunst und Finanz, die hinken: "and Materials and Money and Crisis" im Mumok

Wien - Stellen Sie sich 300 Kilo Beeren vor. Wildbeeren. Können Sie nicht? Das Mumok hilft bei der Visualisierung dieser Menge und wiegt die Früchte mit Museumssperrmüll (Europaletten, alte Rechner etc.) auf. Ein Haufen unnützes Zeug, der dem Auge nicht sonderlich schmeichelt, aber ebenso wie die gerahmten Geldscheine (der Lohn für 300 Kilo Beerenpflücken), die Arbeitsleistung des thailändischen Künstlers Pratchaya Phinthong als Saisonarbeitskraft in Schweden symbolisieren soll. Der simple Schluss: Der Wert der Arbeit steht nicht im Verhältnis zum Aufwand; sie ist wertlos.

Kontexte, über die in der Ausstellung and Materials and Money and Crisis der Begleittext aufklärt. Auch darüber, dass Phinthongs Jobexperiment die Streiks der Saisonarbeitskräfte wegen ungerechter Arbeitsbedingungen zum Hintergrund hat. Nun ist es genauso wenig neu wie verwerflich, dass Kunst nicht immer ästhetischen Prinzipien folgt und sie auch häufig nicht selbsterklärend ist, sondern Lektüre auf Betrachterseite einfordert; allerdings lässt sich über die Qualität ihrer Verweiskraft schon streiten.

Wenn Lucy Raven optische Standardtests zur Kalibrierung filmischer Vorführtechnik aneinanderschneidet, generiert sie auf diese Weise zunächst nur ein flirrendes, bildgewaltiges Kaleidoskop, eine Art animierte Op-Art. Die Normierung der Kinobilder ist Voraussetzung für deren globale Verbreitung. Und so ist Ravens Arbeit tatsächlich ein geeigneter und auch überzeugender Stellvertreter, wenn es darum geht, über ökonomische Zwänge der Filmindustrie zu diskutieren.

Der Titel and Materials and Money and Crisis verweist auf ein aktuell virulentes Ausstellungsthema, jenes der Entmaterialisierung von Finanzkreisläufen und der sich daraus ableitenden Krisen der Märkte. Entgegen der Ausstellung Liquid Assets (Steirischer Herbst 2013), die sich genau diesem immateriellen Biest annahm, geht es im Mumok aber weniger um das Veranschaulichen spätkapitalistischer Prinzipien als um das Verhältnis von Wert und Materialität.

Extravagant wird es jedoch bei den Vergleichen, die der London-stämmige Kurator Richard Birkett hier zwischen Kunst und Finanzmarkt zieht: Zwischen Kunst und Kapital bestehe ein klarer Zusammenhang, schließlich sei auch Kunst ein Feld der Spekulation.

Dass sich die materielle Grundlage von Preisen von ihrem physischen Merkmal emanzipiert hat, die Entfernung zwischen Wert und physischer Produktion immer größer wird, treffe nicht nur auf die Warenproduktion zu, sondern eben auch auf die Kunst. Ja, klar, nur hat das mit der gegenwärtigen Krise gar nichts zu tun. Denn die Entkoppelung von Wert und Material in der Kunst begann schon viel früher - vor nunmehr fast 100 Jahren: Es war 1917, als Marcel Duchamp ein Pissoir (The Fountain) auf den Sockel stellte, also ein Gebrauchsgegenstand die Kunstwelt enterte.

Das Readymade war geboren, und sein Wert sollte bald weit über den der Installateurskeramik hinausweisen: 1999 erzielte ein Editionsexemplar von The Fountain bei Sotheby's in New York den Preis von 1,76 Millionen Dollar. Viele Jahre später erteilte Damien Hirst in Sachen Spekulationswert von Kunst eine Lektion. Im Grund erzählt uns also die Schau wenig Neues.

Kunst entmaterialisieren

Der Kurator fragt sich weiter: "Warum arbeiten viele Künstler vermehrt mit neuen Materialien, während zu selben Zeit Vermögensverwalter ihre Investitionen zusehends entmaterialisieren?" Ein interessanter Ansatz: Würde man den Prinzipien der Finanz folgen, dürfte es nur noch körperlose bzw. materiefreie Konzeptkunst geben - oder aber schlaue kunsttheoretische Vorträge. Die sind im Übrigen der Mumok-Ausstellung in einem Symposium vorausgegangen und zum Teil im Reader versammelt. Dort wird dann über die Kunstwerke der Ausstellung kein Wort verloren. Sie sind lediglich als Fotos vorhanden.

Illustrationen seien das trotzdem keine, heißt es im Museum. Was sonst? Die Schau ist voll von aufgeblasenen Illustrationen, an die dampfplaudernde Kontexte gehängt werden. Sie krankt daran, dass man Vorträge nicht ausstellen kann. Ein Krampf, dem das tatsächliche diskursive Format vorzuziehen wäre. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 27.11.2013)

Bis 2. 2.

  • Sam Lewitt nutzt kupferkaschierte Laminatplatten, die etwa in Digitalkameras - unsere Fenster zur Welt - verwendet werden.
    foto: mumok

    Sam Lewitt nutzt kupferkaschierte Laminatplatten, die etwa in Digitalkameras - unsere Fenster zur Welt - verwendet werden.

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