"L'inconnu du lac": Kampfplatz und Lustlandschaft

26. November 2013, 18:01
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Mit Alain Guiraudies "L'inconnu du lac" kommt einer der ungewöhnlichsten Filme des Jahres ins Kino: eine Cruisingzone am See als spielerische Studie von Liebe und Begehren, Anziehung und Abwehr

Wien - Ein Parkplatz und ein kleines Waldstück, das in Gestrüpp mündet; ein Strand, wild gepflastert mit Steinen, und dann die fast glatte Oberfläche eines stillen Sees. Es sind diese paar wenigen Abschnitte des Pleinair-Schauplatzes von Alain Guiraudies L'inconnu du lac (Der Fremde am See), die dem ungewöhnlichen Film seine minimalistische Struktur verleihen.

Ein Ort in der Provence, an dem sich schwule Männer zum Nackt-in-der-Sonne-Fläzen, aber auch zum Cruisen treffen. Eine Bühne, an der man sich mit Blicken taxiert, auswählt, flirtet. Ein Platz der Verhandlung und möglichen Überschreitung, nicht nur in sexueller Hinsicht - Guiraudie macht ihn auch zum "lieu de crime", zum Tatort.

Jeder Tag beginnt im Film mit derselben Einstellung auf den Parkplatz und den heranfahrenden Peugeot von Franck (Pierre Deladonchamps). Der aufgeschlossene junge Mann aus der Gegend ist regelmäßiger Besucher hier, genauso wie der etwas ältere Henri (Patrick D'Assumçao), der immer abseits sitzt und an dem regen Treiben im Gebüsch nicht teilnimmt. Die dritte bestimmende Figur ist Michel (Christophe Paou), ein an Tom Selleck erinnernder Beau, mit dem Franck eine intensive, primär sexuelle Beziehung eingeht. Vieles, was das Leben der Figuren abseits des Strandes bestimmt, bleibt ausgespart. Dass Michel keine romantischen Interessen hegt - so viel erfahren wir dann doch.

Entdeckung in Cannes

L'inconnu du lac war eine der Entdeckungen des diesjährigen Filmfestivals von Cannes und wurde in der Sektion "Un certain regard" prämiert. Guiraudie, Jahrgang 1964, ein südfranzösischer Filmemacher, hat sich allerdings schon mit früheren Arbeiten wie Pas de repos pour les braves (2003) und Le Roi de l'évasion (2009) mit einem eigenwilligen Kino Gehör verschafft. Lokale Geschichten um oft etwas verlorene, desperate Helden stellt er darin in größer gefasste, mythisch-fantastische Zusammenhänge.

L'inconnu du lac wird von realer wirkenden Figuren bevölkert - er sei näher an die Welt herangerückt, sagt Guiraudie. Doch auch hier gibt es einen Sinn für das Mysteriöse, ein bedrohliches Moment, eine zweite, finstere Ebene. Dies hat vor allem mit einer Beobachtung Francks zu tun, bereits im Zwielicht der Dämmerung: Aus der Ferne wird er zum Zeugen, wie die Tollerei zweier Männer im See in einen Kampf übergeht. Nur einer von ihnen kehrt daraufhin an den Strand zurück.

Guiraudie ist aber an keinem Kriminalfilm interessiert, obwohl es einen skurrilen Polizisten gibt, der die Schwulen-Enklave mit seinen Auftritten und unangenehmen Fragen stört. Es geht vielmehr um die moralischen Zwangslagen, die aus einem Verbrechen hervorgehen, ähnlich wie in Filmen von Claude Chabrol: Wie kann man auf dem Terrain, an dem jemand ums Leben kam - möglicherweise mit dem Täter als Partner - weiterhin seiner Lust nachgehen?

Guiraudie filmt den schwulen Sex (samt Close-ups) mit großer Selbstverständlichkeit, umgekehrt deutet er in der Freundschaft von Henri und Franck auch eine andere Form von Zweisamkeit an. Daneben gibt es noch andere Spielarten der Lust wie jene eines Spanners, von dessen Blick sich der Film eindeutig abhebt, ohne die Figur zu diskreditieren.

Eingebettet bleiben diese Begegnungen bis zuletzt nur in die bukolischen Landschaftsbilder von Kamerafrau Claire Mathon, in eine Dramaturgie natürlicher Lichtverhältnisse. Guiraudie erzählt in Wiederholungen und kleineren Abweichungen, zunächst ganz offen, unverhüllt. Aus dem Reigen von Begehren, Freundschaft, Liebe und Verrat entsteht schließlich das Feld, auf dem sich eine ganze Ökonomie der Gefühle abzeichnet.

Hervorhebenswert an L'inconnu du lac ist nicht zuletzt, dass er seine Denkräume immer weiter öffnet: Er beginnt hell wie ein Sommertag, und er schließt in der märchenhaften Mehrdeutigkeit einer tiefen Nacht. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD, 27.11.2013)

  •  Von Blicken und erotischen Handlungen: Alain Guiraudies Spielfilm "L' inconnu du lac".
    foto: stadtkino

     Von Blicken und erotischen Handlungen: Alain Guiraudies Spielfilm "L' inconnu du lac".

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