Designer Moritz Schmid: Typen gesucht

2. Dezember 2013, 16:50
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Der Zürcher Produktdesigner Moritz Schmid hat gerade den Designpreis der Schweiz abgestaubt - Ein guter Grund, in seiner Werkstatt vorbeizuschauen

Die Langstraße in Zürich wird gleichermaßen geliebt wie gehasst, von Einheimischen wie Ausländern. Längst aber ist sie nicht mehr nur berüchtigte Vergnügungsstraße: Rund um die Rotlichtmeile sprießt junges kreatives Leben. In der bekanntesten Straße Zürichs herrscht eine eigenartige Melange aus Milieupersonal, Szenevolk, aus Partystimmung und Prostitution. An der Nummer 94, zwischen dem Eingang der "Longstreet" und der "Piranha-Bar" liegt der Zugang zu einem Bürohaus: Darin arbeiten Kreative, darunter der Designer Moritz Schmid.

Im Atelier im zweiten Stock ist es ruhig, die Geräusche der Langstraße gedämpft. Im langgestreckten hellen Raum riecht es nach Espresso, in den Regalen stehen Kartonmodelle und Prototypen, auf dem langen Arbeitstisch liegen Skizzen. Ein ausgestopfter Rabe wacht über das Geschehen.

Moritz Schmid war 25 Jahre alt, da zählte ihn das Magazin "Wallpaper" zu den Top 20 der aufsteigenden Designer. Heute, ein Dutzend Jahre später, ist der Zürcher einer der besten jungen Designer, die die Schweiz zu bieten hat. Der 37-Jährige absolvierte nach einer Ausbildung als Hochbauzeichner ein Industriedesign-Studium an der Basler Hochschule für Gestaltung und Kunst. Danach war er während vier Jahren Mitarbeiter im Studio von Alfredo Häberli - eine Zeit, die ihn geprägt hat.

Im Team entwickeln

"Es war ein Luxus, an so vielen unterschiedlichen Projekten arbeiten zu dürfen", sagt er rückblickend. "Etwas im Team zu entwickeln hat mir große Freude gemacht." Seit 2008 führt Schmid sein eigenes Atelier. Er arbeitet für Firmen wie Röthlisberger, Glas Rösch, Atelier Pfister und Glassworks Edition von Matteo Gonet, inszeniert Ausstellungen für das Museum für Gestaltung in Zürich und stattete kürzlich einen Showroom für den dänischen Edelstofffabrikanten Kvadrat aus.

"Suchen, beobachten, verstehen, um wieder zu hinterfragen", so umschreibt er seine Designhaltung. Er will kein Designer sein, der jedem Kunden formal Ähnliches bietet und sich dabei selbst kopiert: "Das ist eine Sackgasse." Immer wieder anders geht er an die Designaufgaben heran. "Vieles ist für mich neu", erklärt er. "Dies ist ein Zustand, den ich sehr genieße, erlaubt er mir doch, jede Aufgabe unvoreingenommen und von Grund auf anzugehen." Das Resultat sind eigenständige Möbel wie das Regal "Etage", mit dessen Entwurf ihn die Firma Röthlisberger betraut hatte und für das er soeben den Designpreis der Schweiz erhielt.

Schmid ersann ein Möbel, das frei im Raum stehen kann. Als Inspiration diente ihm eine einfache ovale Holzdose. So sind die Etagen des zwei- oder dreigeschoßigen Eichenholzmöbels zum Oval gearbeitet, die Stützen sind so angebracht, dass man gar nicht erst an Ecken denkt, und die Rundum-Holzhülle lässt sich vertikal von Etage zu Etage verschieben. Elegant lassen sich damit Fotobände präsentieren oder eine Minibar verdecken. Dabei dienen die Stützen als Schieber. Der besondere Clou ist, dass die Schiebeschiene nicht aus Metall gefertigt ist, sondern aus dem harten, ölhaltigen Holz des Arura-Vermelho-Baumes.

Sprießende Lehne

Ein Detail ist es auch, das im Zürcher Showroom des dänischen Textilspezialisten Kvadrat besticht: Den langgestreckten Raum im Souterrain gliedern nach Schmids Ideen nun hängende Wände aus Kvadrat-Textilien in kühlen Farben. Verbunden sind die gewebten Bahnen mit großen Schlaufen, die an eine große Naht erinnern. So lassen sich die Textilien nach Wunsch auch einfach austauschen. Ein kreatives und überraschendes Konzept steckt auch hinter dem Massivholzstuhl "Eriz" aus dem Jahr 2010.

Das Möbel für Atelier Pfister besteht aus einem unteren Teil mit Sitzfläche. Die Rückenlehne "sprießt" gleichsam aus dem Hocker. Diese wird nämlich auf die Hinterbeine aufgeschraubt - auch hier wird ein konstruktives Detail charakterbildend für das Möbel. Der Stuhl ist in verschiedenen Farben erhältlich, sodass sich Unter- und Oberteile auch farblich unterscheiden können.

"Mich inspiriert es zu beobachten, wie Menschen mit den Gegenständen umgehen." Vor dem Designprozess hat sich Moritz Schmid deshalb gefragt, wie man am Familientisch sitzt. Und so bekam der Stuhl eine runde Sitzfläche, die einem alle Freiheiten lässt: "Man ist in Bewegung, dreht sich, nutzt die Rückenlehne auch als Armlehne." Der Entwurf wird übrigens aus massivem Eschenholz CNC-gefertigt.

Neue Typologien suchen

Die Suche nach neuen Typologien treibt Moritz Schmid an. Aber er kann auch schon einmal ganz die praktische Funktion weglassen. So geschehen 2012 in der limitierten Kollektion "Les Belles". Für die Berliner Galerie Helmrinderknecht entstanden damit verspielte Objekte, die an einen Kreisel, einen Spazierstock oder auch an einen Vogel denken lassen.

Es sind so charmante wie rätselhafte Entwürfe, deren Radikalität auch den Galeristen Martin Rinderknecht beeindruckte: "Sie sind ganz dem Funktionalen enthoben." Die leicht geneigten Objekte sind aus gedrechseltem Birnbaumholz und gefaltetem Naturleinen mit einem siebgedruckten Farbverlauf gefertigt. Ein subtiles Spiel von Farbe und Schattierungen.

"Ein Ausflug in die Welt der Galerien", sagt Moritz Schmid. "Die industrielle Fertigung reizt mich jedoch weitaus mehr." Derzeit arbeitet er an einem Entwurf für den Schweizer Auftritt auf der Leipziger Buchmesse 2014. Der Schweizer Buchhändler- und Verlegerverband hat ihn beauftragt, eine Bank zu gestalten, die bereits vorab in Parks, Bibliotheken und Straßen auf den Messe-Event aufmerksam machen soll. Schmid ließ sich dabei von der typisch roten Bank, die man in der Schweiz allerorten beim Wandern vorfindet, inspirieren.

Die Tragestruktur ist einfach gehalten, das verwendete Massivholzprofil strahlt Bequemlichkeit aus. Der Zweisitzer, der bei Röthlisberger produziert wird, lässt sich beliebig erweitern. "Ich wünsche mir eine sehr lange Bankkette im Leipziger Hauptbahnhof", sagt Schmid. "Ein schönes Willkommen zur Buchmesse." (Andrea Eschbach, Rondo, DER STANDARD, 29.11.2013)

  • Der 37-jährige Designer Moritz Schmid, der bei Alfredo Häberli lernte und seit 2008 selbstständig ist.
    foto: cédric widmer, röthlisberger kollektion, atelier pfister

    Der 37-jährige Designer Moritz Schmid, der bei Alfredo Häberli lernte und seit 2008 selbstständig ist.

  • Möbel "Eriz": Moritz Schmid schwebte ein Sessel vor, der Freiheit beim Sitzen lässt, darum auch die runde Sitzfläche.
    foto: cédric widmer, röthlisberger kollektion, atelier pfister

    Möbel "Eriz": Moritz Schmid schwebte ein Sessel vor, der Freiheit beim Sitzen lässt, darum auch die runde Sitzfläche.

  • Für sein Regal "Etage" wurde Moritz Schmid gerade mit dem Designpreis der Schweiz ausgezeichnet.
    foto: cédric widmer, röthlisberger kollektion, atelier pfister

    Für sein Regal "Etage" wurde Moritz Schmid gerade mit dem Designpreis der Schweiz ausgezeichnet.

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    foto: lisi specht
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