Zu Fuß durch die Wüste Marokkos

28. November 2013, 16:57
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An der Grenze von Marokko zu Algerien lässt sich die Sahara en miniature erleben - inklusive sengender Hitze und piksender Sandstürme

Gerade noch war der Himmel klar. So klar, wie er nur in der Wüste sein kann. Im Süden zeichnen sich die Berge an der Grenze zu Algerien ab, im Norden jene, die das Draa-Tal begrenzen. Keine Luftverschmutzung, keine Staubpartikel. Noch einmal tief durchatmen. In den folgenden Stunden ist das weniger angesagt.

"Es kommt ein Sandsturm auf", sagt Ahmad Amehrek, der den kleinen Trupp aus Österreich schon seit drei Tagen durch das Qued-Draa-Gebiet führt. Einen ganzen Tag dauerte die Fahrt über den Hohen Atlas, erst über die spektakulär gewundenen Straßen des Tizi-n'Tichka-Passes, dann von Oase zu Oase das Draa-Tal entlang. Bis man endlich in M'Hamid ankommt. Ein Wüstendorf am Ende der Zivilisation. Wer hierherkommt, hat nur ein Ziel: die Wüste.

Mittlerweile ist von ihr aber nicht mehr viel zu sehen. Die Dünen am Horizont sind in ein milchiges Braun getaucht, das vereinzelte Gestrüpp ist kaum mehr auszumachen. "Wickelt eure Tücher etwas enger um euch", sagt Ahmad und zeigt noch einmal, wie das geht: Man nehme ein Ende, wickle es erst rechts, dann links, dann schlage man es über den Kopf und ziehe es fester. Oder war es erst links, dann rechts, ziehe es an und schlage es dann erst über den Kopf? So ganz einfach ist das nicht. Wer es fachgerecht hinkriegt, kann in den kommenden Stunden aber ruhig durchatmen. Das blau-gebatikte Berbertuch vor Nase und Mund schützt vor den Sandkörnern, die immer unangenehmer werden.

Es ist ein kleiner Sandsturm, in den der Wandertrupp auf seinem Weg zur Düne Erg Zher geraten ist. Brettleben ist es hier, der Boden steinhart. Ahmad scheint die Sandkörner nicht zu bemerken, der Touristentrupp kneift die Augen zusammen. Keinen Anfang hat die Wüste jetzt mehr, und auch kein Ende. Ein Schritt nach dem anderen, und irgendwann ist der Sturm vorbei.

Zelt zwischen Dünen

"Ach, das war doch gar nichts", sagt Ahmad am Abend, als man im Gemeinschaftszelt sitzt und an seinem Berbertee nippt. Ein richtiger Sandsturm, der dauere mehrere Tage. Das war höchstens eine Vorahnung davon. Wie auch schon die zwei Abende zuvor hat der Begleittrupp einen Nächtigungsplatz zwischen den Dünen gefunden. Zelte und Gaskocher werden von den riesigen Körben auf den Kamelen gehievt, die Tiere selbst werden einige Meter entfernt an Pflöcke gebunden. Die Landschaft ist heute so, wie man sich das von der Wüste vorstellt: Dünen, so weit das Auge reicht, keinerlei Vegetation. Und im Hintergrund erhebt sich die 90 Meter hohe Erg Zher.

Am nächsten Morgen geht es hinauf, 90 Höhenmeter, das klingt eigentlich wie ein kleiner Spaziergang. Ist es aber nicht. Die Füße versinken immer tiefer im Sand, jeder Schritt nach vorne bedeutet einen halben zurück. In den Bergschuhen sammelt sich der Sand, bis man sie schließlich auszieht und barfuß weiterstapft. Oben auf der Düne stürmt es wie auf einem Dreitausender, die Hamada du Draa und der ausgetrocknete Salzsee Lac Iriki liegen einem zu Füßen. Das erste Mal zeigt das Handy auch wieder Empfang an. Ein Signal aus der Zivilisation. Aber eines, das einem herzlich egal ist.

In der Wüste herrschen andere Prioritäten. Ein anderer Rhythmus. Ein anderes Verständnis von Zeit. Am ersten Tag fragt man sich noch, was man hier macht. Die Landschaft ist, nun ja, karg, die Sonne stark. Und das Gehen in der Ebene, das ist mindestens genau so anstrengend wie jenes bergauf. Es gibt weniges, an dem das Auge hängenbleibt. Die verlassene Kasbah Sidi Naji am ersten Tag. Hier zogen früher einmal die Karawanen nach Timbuktu vorbei. 24 Tage quer durch die Sahara. Heute besteht die Kasbah aus ein paar verlassenen Mauern.

Oder der Brunnen von Erg Smer, zu dem die Beduinen pilgern, um ihre Wasservorräte aufzufrischen und die Kamele endlich einmal ausreichend trinken zu lassen. Dazwischen aber nichts als Steine und Sand. Zumindest auf den ersten Blick. "In der Wüste", sagt Führer Ahmad "schult man seinen Blick." Seit acht Jahren zieht der Zweiunddreißigjährige, der in einem kleinen Dorf im Hohen Atlas geboren wurde, immer wieder durch die Wüste. Er begleitet Touristengruppen auf kurzen Fünftagestouren (wie in unserem Fall) oder auch auf mehrwöchigen Trips. Je länger die Tour, umso ruhiger und zurückgezogener würden viele Menschen werden. Zumindest tagsüber, wenn die Sonne herunterbrennt und die Temperaturen immer weiter in die Höhe klettert.

Fladenbrot im Mund

Am Abend ist alles anders. Die Crew hat einen Ofen ausgehoben, in dem Fladenbrot gebacken wird. Mit einer breiten Schaufel schiebt der Koch die flachen Teigfladen in das Erdloch. Wenige Minuten später holt er die mittlerweile beinahe kugelrunden, knusprigen Brote wieder heraus. Einer seiner Kumpanen stimmt ein Berberlied an, die anderen singen mit. Es sind melancholische Lieder, die hier in der Wüste gesungen werden. Lieder, die keinen Anfang und kein Ende haben. Und die den Anschein erwecken, als würden sie sich im Kreis drehen. Das haben sie mit der Wüste gemein. (Stephan Hilpold, DER STANDARD, Rondo, 29.11.2013)

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Die Reise wurde unterstützt von Weltweitwandern.

  • Das Zeltlager am Fuße der 90 Meter hohen Düne Erg Zher. Der Aufstieg erfolgt am frühen Morgen - und ist um einiges anstrengender als gedacht.
    foto: stephan hilpold

    Das Zeltlager am Fuße der 90 Meter hohen Düne Erg Zher. Der Aufstieg erfolgt am frühen Morgen - und ist um einiges anstrengender als gedacht.

  • Anreise & Veranstalter
Anreise: Flug Wien-Marrakesch immer mit Zwischenstopp; z. B. mit Austrian, Swiss, Brussels - weiter mit dem Sammeltaxi nach M'Hamid; oder organisiert:
Veranstalter: Ein Experte für Marokko ist Weltweitwandern. Die beschriebene Reise wird als „Sternschnuppen der Wüste" angeboten.
    grafik: der standard

    Anreise & Veranstalter

    Anreise: Flug Wien-Marrakesch immer mit Zwischenstopp; z. B. mit Austrian, Swiss, Brussels - weiter mit dem Sammeltaxi nach M'Hamid; oder organisiert:

    Veranstalter: Ein Experte für Marokko ist Weltweitwandern. Die beschriebene Reise wird als „Sternschnuppen der Wüste" angeboten.

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    foto: lisi specht
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