Mitarbeiter spät informiert: Polioverdacht im Flüchtlingslager in Traiskirchen

26. November 2013, 18:27
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Vier Asylwerber in Traiskirchen wurden im Schnellverfahren positiv auf Enteroviren getestet. Viele Mitarbeiter wurden erst Tage später informiert

Wien - Poliomyelitis, eine durch Enteroviren verursachte Infektionskrankheit, trat in Österreich zum letzten Mal 1980 auf. Seit 2002 gilt die Kinderlähmung in Europa als ausgerottet, etwa 95 Prozent der schulpflichtigen Kinder in Österreich sind gegen die unheilbare Krankheit geimpft.

Nicht so in Entwicklungs- und Krisenländern: Mit dem Ausbruch des Bürgerkriegs in Syrien vor etwa zwei Jahren kam der Impfplan der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ins Stocken, der Poliovirus konnte sich wieder ausbreiten. Die WHO bestätigte allein in den vergangenen drei Wochen 13 neue Fälle von Kinderlähmung und warnte, dass Flüchtlinge aus Syrien und den Nachbarländern infiziert sein könnten und Polio-Viren nach Europa einschleppen.

Nun erheben mehrere Mitarbeiter des Erstaufnahmezentrums in Traiskirchen im STANDARD schwere Vorwürfe gegen das Innenministerium (BMI) und die Schweizer Betreuungsfirma ORS. Vor drei Wochen sei eine syrische Familie mit zwei Kindern aufgenommen worden, die Symptome einer Polioerkrankung aufweisen. Doch erst zehn Tage danach seien alle Mitarbeiter informiert worden, eine Impfung wurde gar erst vergangenen Donnerstag angeboten.

Vier Menschen positiv getestet

Ein Sprecher des Innenministeriums bestätigt, dass mittlerweile bereits vier Menschen in Traiskirchen, darunter eine erwachsene Frau und eine Jugendliche, im Schnellverfahren positiv auf Enteroviren getestet wurden - der zweite Fall bereits vor elf Tagen.

Das seien "Verdachtsfälle", die finale medizinische Bestätigung für Kinderlähmung stehe noch aus. Man habe das nicht "aktiv breit kommuniziert", da es keinen Anlass zur Sorge gebe, so der Sprecher auf den Vorwurf, dass nicht alle Mitarbeiter informiert waren. "Alle, die die Informationen brauchten, haben sie bekommen."

Dem widerspricht ein Mitarbeiter aus Traiskirchen, der anonym bleiben will. Er habe, so wie viele andere auch, von Anfang an Kontakt zu der betroffenen Familie, die zwar in einem eigenen Gebäude untergebracht wurde, aber nicht isoliert lebt. Erst nach einer Woche habe er beiläufig von dem Polioverdacht gehört.

Wer sich vor dem Impftermin am vergangenen Donnerstag schützen wollte, musste das aus eigener Tasche bezahlen, einer Mitarbeiterin von ORS sei gesagt worden, Impfungen seien Sache des Arbeitnehmers. Beides widerspricht der EU-Richtlinie 2000/54/EG, nach der Personen, die beruflich ein Infektionsrisiko einer impfpräventablen Krankheit haben, die Impfung kostenlos angeboten werden muss. Die Stellungnahme von ORS, die seit Anfang 2012 vom Innenministerium mit der Betreuung der Flüchtlinge in Traiskirchen beauftragt ist, war zu Redaktionsschluss noch ausständig. Ebenso wie die Auskunft über die Zahl der beschäftigten Mitarbeiter in Österreich.

In der Pressestelle des Gesundheitsministeriums (BMG) reagierte man überrascht auf den Polioverdacht und noch mehr darauf, dass anscheinend nicht alle Mitarbeiter zeitnah informiert und geschützt wurden. Seit dem 19. Oktober ist in Österreich offiziell bekannt, dass Kinderlähmung in Syrien nachgewiesen wurde. "Am gleichen Tag ist die Information von uns an das Innenministerium gegangen", sagt die Sprecherin des BMG. Am 28. Oktober sei ein Treffen mit Innen- und Verteidigungsministerium einberufen worden, um einen Krisenplan festzulegen.

Tests nur für Syrer

Seither werden von syrischen Flüchtlingen Stuhlproben genommen. Wenn diese auf Enteroviren anschlagen, werden Kulturen angelegt. Das dauert etwa 14 Tage. Sollte das Ergebnis positiv auf die Poliolinie fallen, geht eine weitere Probe an die WHO, die offiziell eine Erkrankung feststellen kann. In Österreich wird nur mehr mit Totimpfstoff immunisiert, eine Auffrischung ist für Erwachsene alle zehn Jahre vorgesehen.

Neben dem Verdacht von Polio gibt es bestätigte Fälle von Tuberkulose bei Asylwerbern in Traiskirchen - auch darüber sollen nicht alle Mitarbeiter informiert worden sein. (Julia Herrnböck/DER STANDARD, 27.11.2013)

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    Laut Mitarbeitern gibt es in Traiskirchen auch bestätigte Fälle von Tuberkulose. Das Innenministerium sieht keine Gefahr einer Ausbreitung.

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