"Mittelmaß zwischen klinischer Sauberkeit und g'sundem Dreck"

4. Dezember 2013, 12:29
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In seinem Buch "Hysterie Hygiene" kommt Manfred Berger zwar zu den richtigen Schlüssen, allerdings ohne ehrliches Interesse, klare Belege oder echten Neuigkeitswert

"Unsere Gesellschaft ist davon überzeugt, dass dem Körper Gefahr droht, wenn fremde Substanzen beziehungsweise Elemente in ihn eindringen", so Motivforscherin Helene Karmasin im Buch "Hysterie Hygiene". Der Unternehmer und Autor Manfred Berger geht darin der Frage nach, wie wichtig klinische Sauberkeit im täglichen Leben tatsächlich ist und gelangt zur Antwort: Wie immer kommt es auf das richtige Maß an.

Wenig Neues

Dass durch übermäßige Hygiene auch "gute" Keime abgetötet werden und der Körper sich nicht immer ausreichend gegen Fremdkörper sensibilisieren kann, ist altbekannt. Dass das Nicht-Einhalten gewisser Hygienestandards in einer globalisierten Welt zu einer raschen Verbreitung von Krankheitserregern und zum Ausbrechen von Epidemien führen kann, ebenso.

Auch die Behauptung, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Zugang zu sauberem Wasser und der Lebenserwartung gibt, ist naheliegend - Belege bleibt Berger aber schuldig. Nicht nur an dieser Stelle kratzt er nur wenig an der Oberfläche, unterschlägt Fakten und beschreibt Allgemeinposten. Manchmal wird es gar einseitig, etwa wenn Berger das Impfen in den Himmel lobt - hier wäre eine Gegenstimme gut gewesen.

"Servietten-Origami"

An anderer Stelle wiederum übertreibt Berger es mit der Vorsicht, so etwa beim "Servietten-Origami" - gefaltete Servietten in Restaurants, vor denen er mehrmals und eindringlich warnt: "Sollte ein solches 'Kunstwerk' auf Sie warten, ist höchste Vorsicht geboten, denn es ist gleichzeitig zu befürchten, dass die Stoffserviette nicht nur intensiv bearbeitet, sondern vielleicht im Vorfeld im Haus selbst nur bei 40 Grad gewaschen wurde." Textilhygiene ist zweifellos wichtig, gefaltete Servietten sind aber mit Sicherheit noch das geringste Problem.

Manches im Buch überrascht durchaus: Etwa, dass die beliebten Turbo-Händetrockner auf der Toilette über die aufgewirbelte Luft deutlich mehr Keime verbreiten als normale Stoffhandtücher, oder dass Klimaanlagen "wahre Drecks-Schleudern" sind (Belege fehlen leider). Beunruhigend ist das Ergebnis einer (leider nicht näher zitierten) Untersuchung, der zufolge von 800 überprüften Wasserspendern in Deutschland mehr als ein Drittel mit Keimen verunreinigt waren. 

Beunruhigend, wenngleich nicht unbedingt neu ist die Erkenntnis, dass präventiv in der Massentierhaltung eingesetzte Breitbandantibiotika zu Rückständen im Fleisch und in der Folge zu resistenten Bakterienstämmen führt. Aufgrund der industriellen Massenproduktion ist es allein in den letzten 30 Jahren zu 16 großen Lebensmittelskandale gekommen, so Berger. Leider schneidet er auch dieses Thema nur kurz an, ohne aufzuzählen, wie und warum es dazu gekommen ist.

Werbung statt Wissenschaft

Die oberflächliche Betrachtung ist aber noch gar nicht das größte Problem des Buchs: Richtiggehend befremdlich mutet an, dass das Kapitel über Hygiene auf Reisen völlig unvermittelt in eine Werbung für "Spezialtextilien mit Hygienegarantie" der Firma "Salesianer Miettex" umschlägt, zumal deren Geschäftsführer Andreas Philipp als einer der "Koautoren und Impulsgeber" des Buches aufgeführt wird.

Auch sonst ist die Wahl der Interviewpartner nicht immer naheliegend: Dass ausgerechnet eine Motivforscherin, ein Hoteldirektor ("Hotelprofi"), der Forschungsleiter von "Henkel Austria" ("tätig in der Versuchsanstalt Isofloor - der Elefant unter der Teppichböden, Renner der damaligen Objektbereiche"), ein Vertreter einer Textilprüfungsfirma, ein Zahnarzt und ein Radiologe zu Wort kommen, ist wohl eher dem Karrierenetzwerk des Autors - nebenbei Unternehmer, Think-Tank-Betreiber und Marketing-Manager - als einer inhaltlichen Notwendigkeit geschuldet.

In Kombination mit den lieblos zusammenkopierten Powerpoint-Folien einiger ausgesuchter "Experten" verspielt Berger jegliche Glaubwürdigkeit seines - an sich nicht schlechten - Buchs. Schade, das Thema hätte eine tiefergehende, wissenschaftlichere und vor allem eine von Wirtschaftsinteressen unabhängige Behandlung verdient. (Florian Bayer, derStandard.at, 4.12.2013)

  • Manfred F. BergerHysterie Hygiene? Echomedia Buchverlag152 Seiten, 19,80 Euro ISBN: 978-3-902900-34-0
    foto: manfred f. berger/echomedia

    Manfred F. Berger
    Hysterie Hygiene?
    Echomedia Buchverlag
    152 Seiten, 19,80 Euro
    ISBN: 978-3-902900-34-0

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