"Planète Marker": Ein prophetischer Träumer des 20. Jahrhunderts

25. November 2013, 17:50
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Im Centre Pompidou ist die erste posthume Werkschau des 2012 verstorbenen Medienkünstlers Chris Marker zu sehen

Die Schnittmenge zwischen Anhängern gesellschaftlicher Utopien und Menschen, die gegenüber neuen Technologien begeistert aufgeschlossen sind, ist vermutlich geringer, als man zunächst annehmen mag. Utopien haftet mittlerweile der Makel des Rückständigen, des Überholten an, während der technologische Fortschritt nach wie vor Zukunftstrunkenheit schürt. Chris Marker jedoch gehörte stets beiden Fraktionen an.

Der Regisseur von La jetée - Am Rande des Rollfelds und Sans Soleil - Unsichtbare Sonne war ein geschichtsschreibender Filmemacher, ein verlässlicher Wegweiser zu den politischen Aufbruchsbewegungen in aller Welt. Zugleich begrüßte er mediale Neuerungen und versuchte umgehend, sie zu meistern. Katzenhaft flink nahm er Zugriff auf diverse Videoformate, schuf die legendäre CD-ROM Immemory und entdeckte sodann die Möglichkeiten des Internets, wo er Youtube und Second Life als Plattformen seiner Ideen nutzte.

Kater statt Künstler

Den orange gezeichneten Kater Guillaume-en-Egypte machte der öffentlichkeitsscheue Künstler fortan zum Agenten seiner Neugierde. Diese Portalfigur von Markers Spätwerk lenkt auch die Schritte der Besucher im Pariser Centre Pompidou, das dem im Sommer 2012 im Alter von 91 Jahren verstorbenen Medienkünstler eine Werkschau widmet. Der vorwitzige Kater weist den Weg ins Kino im ersten Stock sowie in die Bibliothek, wo Originalmanuskripte ausgelegt sind.

Die Hauptausstellung ist im Keller untergebracht. Sie ist etwas lieblos präsentiert. Für das Centre Pompidou ist das vor allem ein Heimspiel. Es sind weitgehend Auftragsarbeiten zu sehen, die Marker seit 1978 für die Institution gestaltete. Eine Ausnahme bildet eine Wand, an der die Umschlagmotive der Buchreihe Petite Planète aufgehängt sind, mit der er in den 1950er-Jahren das Genre des Reiseführers revolutionierte und die seine Hoffnungen in eine postkoloniale Welt bezeugt.

Aus verschiedenen Gründen ist dies der falsche Ort. Eigentlich stünde das Recht der ersten posthumen Marker-Ausstellung der Cinémathèque française zu. Es war lange strittig, was mit seinem Nachlass geschehen sollte. Er selbst hatte keine Vorkehrungen getroffen, ob und wie man sich seiner Arbeit erinnern soll: Für diesen prophetischen Träumer war die Zukunft mit seinem Tod vorüber. Im Frühjahr allerdings entschieden die nach langer Suche ermittelten Erben, dass der Nachlass an die Cinémathèque gehen soll.

Gründliche Neugier

Ertragreich ist die Schau im Pompidou dennoch. Es ist schon aufregend genug, sich einfach nur vor die Installationen zu setzen, in denen Marker Feldforschung in den Bilderwelten des 20. Jahrhunderts trieb. Seine Neugierde ist von enzyklopädischer Gründlichkeit. Sie schlägt den Bogen von klug montierten Dokumentaraufnahmen aus dem Ersten Weltkrieg bis zu Markers gewitzter Analyse von Guillermo del Toros Hellboy 2. Die Schau führt mitten in das Labyrinth seiner Fantasie. Marker hat das "Premake" erfunden, er imaginiert eine erste Version von Außer Atem in der Regie von Raoul Walsh.

In seinen verspielten "X-plugs" betrachtet er berühmte Gemälde neu. Das Herzstück ist freilich die CD-Rom Immemory, von der es hieß, sie sei nicht mehr abspielbar.

Nun jedoch kann der Besucher entdecken, dass Markers Vorstellungswelt so unbändig ist wie ein Baum, der nach allen Seiten ausschlägt. (Gerhard Midding, DER STANDARD, 26.11.2013)

Ausstellung und Retrospektive "Planète Marker": bis 22. Dezember. Bei arte éditions ist eine DVD-Box gleichen Titels mit 14 Filmen erschienen.

  • Bewohnerin des "Planeten Marker": Hélène Chatelain 1962 in Chris Markers berühmtem Film "La jetée". 
    foto: argos films / tamasa distribution

    Bewohnerin des "Planeten Marker": Hélène Chatelain 1962 in Chris Markers berühmtem Film "La jetée". 

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