Thilafushi: Ein Berg aus Müll im Inselparadies

3. Dezember 2013, 19:29
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Schiffe, die auf Thilafushi anlegen, haben statt Touristen Tonnen von Abfall an Bord, Giftstoffe inklusive

Malé - Der Landeanflug auf die Malediven ist zum Weinen schön: Insel über Insel inmitten azurblauen Wassers, eingerahmt von Korallenriffen, die jedes der so zerbrechlich wirkenden Eilande vor der Urkraft des Indischen Ozeans schützen. Wo es besonders seicht wird, wechselt der Farbton von Azurblau ins Türkise. Plötzlich ein rauchender Vulkan. Nein, Vulkan ist das keiner, sagt der Verstand. Aber was dann?

"Das ist Garbage Island - die Müllinsel." Mohamed Thaufeeg, ein 37-jähriger Malediver, war zehn Tage weg - geschäftlich, wie er dem Standard sagt. Nun kehre er nach Malé zurück, wo er als Ingenieur arbeite. Geboren und aufgewachsen sei er im Südatoll. "Auch von dort kommt Müll hierher", sagt Thaufeeg und zeigt auf die rauchende Insel, deren Konturen sich im Gegenlicht nun deutlicher abzuzeichnen beginnen.

400 Tonnen pro Tag

Bis zu 400 Tonnen Abfälle landen Tag für Tag auf Thilafushi. So heißt die unweit von Malé gelegene künstliche Insel in der Lokalsprache. Anfangs kam nur Müll aus der Hauptstadt dorthin. Bald trafen auch Schiffsladungen aus der Peripherie des weitverzweigten Inselstaats hier ein.

Wo sich jetzt Müllberge türmen, war früher eine Lagune. Die Regierung entschied 1991, dass diese verfüllt werden soll. Anfang 1992 starteten die ersten Mülltransporte. Der Fuhrpark bestand aus einem Landungsboot, vier Lkws, einem Bagger und einem Radlader. Inzwischen gibt es drei Landungsboote, 20 Lkws, sechs Bagger, vier Radlader, eine Müllpresse und einen Bulldozer. Thilafushi gilt als größte Müllinsel der Welt. In den vergangenen Jahren haben sich auf dem gewonnenen Land auch einige Industriebetriebe angesiedelt. Noch einen Rekord hält Thilafushi: Eine der höchsten Erhebungen der Malediven, die knapp 1200 Inseln zählen, befindet sich hier. Das ist insofern relativ einfach, als 80 Prozent der Landfläche weniger als einen Meter über dem Meeresspiegel liegen.

Wegwerfen statt sammeln

Malediven-Besucher produzieren im Schnitt 3,5 Kilo Abfall pro Tag, doppelt so viel wie die Bewohner von Malé und etwa fünfmal mehr als im Rest der Malediven. Sortieren und Trennen ist bei der Lokalbevölkerung noch ein Fremdwort, Wegwerfen hingegen ist ein Volkssport. Organische Reste mischen sich mit Plastikflaschen, Kartons mit giftigem und ungiftigem Restmüll jeder Couleur. Ob Blei, Cadmium, Asbest oder Quecksilber: Alles geht auf die Müllinsel, sickert in den Ozean und landet, wie Umweltschützer monieren, in der Nahrungskette.

Bis vor kurzem war es noch weit verbreitete Praxis, vor Sonnenuntergang mit dem Müllboot vor die jeweilige Insel zu fahren und den Dreck ins Meer zu kippen. Man kannte die Strömung und passte auf, dass der Abfall nicht an die eigenen Strände zurückkam. Dass vor allem Plastik, aber auch andere Sachen an die Strände der Nachbarinseln geschwemmt werden, kümmerte kaum jemanden.

Gastarbeiter aus Bangladesch

Sobald ein Müllschiff gelöscht ist, beginnt die eigentliche Arbeit der Müllbrigaden. Es sind großteils Gastarbeiter aus Bangladesch, die auf Thilafushi beschäftigt sind. Sie durchforsten im Zweischichtbetrieb die Müllberge nach rezyklierbarem Gut. Plastik, Metalle und andere Wertstoffe werden nach Indien verkauft. Die Bangladescher erhalten umgerechnet 260 Euro im Monat - für zwölf Stunden Arbeit pro Tag.

Laut Gesetz sollte der Abfall in den Touristenresorts aufbereitet werden. Grünabfall müsste kompostiert, Plastikflaschen recycelt werden. "Niemand überwacht das", sagt ein Malediver, der namentlich nicht genannt werden möchte. "Die Tourismusbranche übernimmt ihre ethisch-moralischen Aufgaben nicht - von einigen löblichen Ausnahmen abgesehen." Umweltschützer bitten Touristen, zumindest ihren giftigsten Müll, etwa Batterien, mit nach Hause zu nehmen. Damit möglichst wenig im Inselparadies bleibt. (Günther Strobl, DER STANDARD, 23.11.2013)

  • Bis zu 400 Tonnen Müll landen täglich auf Thilafushi.
    foto: hani amir

    Bis zu 400 Tonnen Müll landen täglich auf Thilafushi.

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