Handyfotografie: Von Selfies und Hipstamatic-Kriegsfotos

Interview25. November 2013, 16:57
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Fotografin Luiza Puiu erklärt im Interview was die Faszination von Handyfotos ausmacht

Ein Klick, ein Augenblick – und schon landet das Foto im Netz. Seit der Verbreitung der Handyfotografie ist es für Handybesitzer ein Leichtes, Freunde, Bekannte und das gesamte Internet an ihren – mehr oder weniger – künstlerischen Kreationen teilhaben zu lassen. Was das Faszinierende am Fotografieren mit dem Handy ist und warum sie darin eine positive Entwicklung sieht, erklärt Luiza Puiu, Fotografin und Medienwissenschafterin an der Visuellen Soziologie der Universität Wien, in Interview mit derStandard.at.

derStandard.at: Was begeistert die Menschen so am Fotografieren mit dem Handy?

Luiza Puiu: Für mich ist das Faszinierendste, dass die Verbreitung der Handyfotografie dem Einzelnen ein neues Medium der Kommunikation anbietet, wie es davor nur die Schrift gab. Und so wie man mit dem Medium Schrift einfache Notizen, aber auch Poesie, Wissenschaft und Journalismus betreiben kann, so kann man auch Bilder in vielfältiger Weise verwenden. Fotos vom Essen oder Partyfotos, die immer öfters zu sehen sind, sind vielleicht mit einem geschriebenen Tagebuch zu vergleichen, während die unterschiedlichen neuen Filter für Handyfotos mit sprachlichen Stilmittel gleichzusetzen sind.

derStandard.at: Welchen Einfluss haben Social Networks auf die Entscheidung, Dinge zu fotografieren? Stichwort Instagram und Food-Posts?

Puiu: Nachdem nun jeder und jede von uns eine Kamera eingesteckt hat ist klar, dass sich die Dokumentation des Alltags von den traditionellen Fotomomenten erweitert hat und umso mehr Dinge und Situationen fotografiert werden. Ich würde meine Hand ins Feuer legen, dass es keine abstrakten oder konkrete Motive mehr gibt, die noch nicht mit dem Handy fotografiert wurden.

derStandard.at: Warum sind die "Selfies" im Netz so beliebt?

Puiu: Die Selbstdarstellung im Netz ist sicher eine der wichtigsten Funktionen der Social-Media-Plattformen, in schriftlicher und visueller Form. An den Selbstportraits kann man eine Emanzipation der User erkennen. Wenn man selbst kostenlos unzählige digitale Bilder schießen kann, ist es nicht mehr notwendig, sich von einer externen Person darstellen zu lassen, man kann sich selber optimal in Szene setzen.

derStandard.at: Wie sehr ist die Konkurrenz bei Handyfotographen ausgeprägt? Rittert man um das beste Bild oder ist es ein friedliches Nebeneinander?

Puiu: Ich glaube das Konzept eines "guten Bildes" ist nicht klar zu definieren. Gut ist das, was den intendierten Zweck erreicht. Handyfotos werden ja auch benutzt, um eine Telefonnummer oder Inschrift schnell zu speichern. Bei durchdachteren Bildern handelt es sich oft um persönliche Dokumentationen des Alltags, da ist es auch nicht so eindeutig, was gut und was schlecht ist. Es gibt natürlich auf verschiedene Plattformen wie Instagram auch eine Art Konkurrenz um die ästhetisch schönsten Bilder, es ist aber in den meisten Fällen auch ein weiteres Interesse für das Gezeigte da, seien es Stadtteile, Freunde oder ästhetisch präsentierte Gerichte. Da sehe ich die Handyfotografie weniger als Kunst und konkurrenz-geladenes Medium, sondern eher als demokratisches Kommunikationsmedium.

derStandard.at: Gibt es unterschiedliche Plattformen im Netz für verschiedene Usergruppen?

Puiu: Sicher. Es gibt niedrigschwellige Plattformen wie Instagram und Facebook, aber auch ganz persönliche Fotoblogs und Zeitschriften für Handyfotografie wie beispielsweise dem Snap Magazine. Sogar in den öffentlichen Raum haben es Handyfotos schon geschafft: In diesem Herbst war in Wien eine Ausstellung von vier Wiener Instagramern zu sehen.

derStandard.at: Wie unterscheiden sich Handyfotografen von Profis hinter der Kamera?

Puiu: Die Einteilung in Profis und Amateure ist spätestens seit der Handyfotografie nicht mehr zu halten. Die meisten Profifotografen, die ich kenne – Leute, die konsequent ausdrucksvolle Fotografien machen, mit denen sie auch ihren Lebensunterhalt verdienen – machen selber Handyfotos. Wie vielleicht auch Schriftsteller oder Journalisten ab und an weniger druckreife Notizen anfertigen.

derStandard.at: Gibt es einen Unterschied zwischen Bildern mit dem Handy und jenen, die mit Kameras aufgenommen wurden?

Puiu: Ich glaube, der Unterschied liegt weniger bei der Technik als vielmehr im Umgang mit der Fotografie. Das alte Marshall-McLuhan-Zitat, "The medium is the message" gilt nach wie vor. Handyfotografien sind flüchtiger, die Handykamera ist ja immer dabei. Auch wirken Handys gegenüber den fotografierten Personen weniger bedrohlich als große professionelle Kameras. Daher gelangen nicht selten gute Handyfotos in der Presse. Bei Notfällen oder bei sehr kurzfristigen Ereignissen können Anwesenden vor Ort viel schneller ein Foto schießen als Profifotografen, die erst von Redaktionen kontaktiert werden müssen. So werden Proteste viel schneller verbreitet, so wie im Fall des arabischen Frühlings. Zudem haben manchmal technisch "schlechte" Fotografien durch die Amateurästhetik mehr Glaubwürdigkeit als perfekte "Hollywood"-Bilder.

derStandard.at: Ist damit die traditionelle Fotografie in Gefahr zu verschwinden?

Puiu: Glaubwürdigkeit und Geschwindigkeit sind auf Seite der Handyfotografen, Schlagwörter sind auch Bürgerjournalismus und Bürgerfotojournalismus. Das heißt aber nicht, dass professionelle Fotografie in Gefahr ist zu verschwinden, sondern nur, dass sie besser und innovativer werden muss. Ob die Innovationen nun mit "echten" Kameras oder mit Handys stattfinden, ist dabei weniger wichtig. Die New York Times hat Hipstamatic-Kriegsfotos von Damon Winter publiziert, das Time Magazine hatte vor einem Jahr ein Instagram-Foto des Profifotografen Benjamin Lowy vom Sturm Sandy auf dem Cover.

derStandard.at: Können Fotos von der Handykamera mit "normalen" Bildern qualitativ überhaupt mithalten?

Puiu: Es kommt natürlich auf die Kamera an, mit der man vergleicht. Bei natürlichen und guten Lichtverhältnissen sind Bilder von Handys und Kompaktkameras auf jeden Fall vergleichbar. Bei schlechten Lichtverhältnissen wird es aber schwierig.

derStandard.at: Zusammengefasst: Welchen Nutzen hat die Handyfotografie?

Puiu: Der große Vorteil ist für mich die Emanzipierung des Nutzers durch die Demokratisierung des Mediums. Wir alle gewinnen durch die Verbreitung der Handyfotografie ein zusätzliches Medium zur interpersonellen Kommunikation. Trotzdem sehe ich zwei große Nachteile: Erstens der schwierige Umgang mit Datensicherheit und zweitens die Tatsache, dass wir zu viel mit dem Handy beschäftigt sind und dadurch sicher schöne Momente verpassen. (Barbara Oberrauter, derStandard.at, 25.11.2013)

 

  • "An den Selbstportraits kann man eine Emanzipation der User erkennen."
    foto: ap

    "An den Selbstportraits kann man eine Emanzipation der User erkennen."

  • Fotografin Luiza Puiu
    foto: luiza puiu

    Fotografin Luiza Puiu

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