Nick Cave: Mephisto peitscht mit seiner Leine

25. November 2013, 17:35
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Keine bloße Präsentation des jüngsten Albums "Push The Sky Away" war das Konzert im Gasometer, sondern eine Zeitreise

Wien - Minimalistische Drumschläge stolpern ins kurzatmige Echo, verhuschte Orgeltöne sitzen, wackeln und haben Luft. Während die einzelnen Zellen des Organismus Bad Seeds scheinbar noch auf der Suche nach dem genauen Metrum sind, präsentiert sich Nick Cave marionettenhaft: Als ob er an den Ellbogen aufgehängt wäre, tänzelt der schlaksige Mephisto beim Opener We No Who U R über die Bühne.

Dass das Verhatschte und Hölzerne reinstes Understatement sind, wird spätestens dann klar, wenn sich bei Jubilee Street das Bass-Vakuum füllt. Der Song gibt sich zunächst als gemütlicher Mid-Tempo-Hadern. "I' m pushing my wheel of love up on Jubilee Street", singt der moderne Sisyphos Cave. In Wahrheit aber rollt selbiges Rad längst auf das Publikum im Gasometer zu.

Schubweise steigern die Bad Seeds Tempo und Dichte, bis aus der anfänglichen Schneeflocke eine Lawine geworden ist: Endet die Albumversion von Jubilee Street mit einem Fadeout, so gerät das alternative Ende live zu einem hypnotischen Rauschen. "I'm transforming, I'm vibrating, I'm glowing, I'm flying", intoniert Cave, während die Bad Seeds demonstrieren, zu welcher Intensität sie fähig sind. Es gehört zu den Vorzügen dieser Band, dass derartige Ausbrüche äußerst sparsam eingesetzt, dafür aber umso konzentrierter ausgeführt sind. Dass das Publikum bei solchen Gelegenheiten eher innerlich mitwippt als ausbricht, dürfte am Durchschnittsalter liegen.

We No Who U R und Jubilee Street sind nicht nur die Eröffnungsstücke im Gasometer, sondern auch die ersten zwei Tracks des jüngsten Studioalbums Push The Sky Away. Auf seiner nunmehr 15. Platte mit den Bad Seeds hat Nick Cave nicht nur das Internet als Inspirationsquelle entdeckt, sondern außerdem die kompositorische Reduktion. Der oft üppige Rock 'n' Roll der Vergangenheit ist einer neuen, elektrisch aufgeladenen Luftigkeit gewichen.

Konzentrierte Höhepunkte

Bevor Cave allerdings das reguläre Konzert mit dem samtigen Titelstück Push The Sky Away beendet, das man ob seiner Instrumentierung beinahe schon Synth-Pop nennen kann, begibt er sich auf eine ausgedehnte Zeitreise. Den eindrücklichen Vorzeichen folgen Tupelo und Red Right Hand. Mit einem vor tiefen Klavierclustern dröhnenden From Her To Eternity geht die Band an ihre wilden Anfänge im Jahr 1984 zurück.

Der 56-jährige Mastermind wechselt unterdessen hektisch zwischen Publikumsbetatschungen und Klavierspiel hin und her. Seine rechte Hand Warren Ellis, ein rauschebärtiges Rumpelstilzchen, verheizt Geigenbogen um Geigenbogen, sofern er nicht gerade per Querflöte diverse Folkloren in die Gewitterwolken der Bad Seeds hineinzitiert.

Dass die Entwicklung des Funkmikros offenbar an Cave vorbeigegangen ist, hat die schöne Konsequenz, dass er sein elendslanges Mikrofonkabel bisweilen wie eine Schlange zähmen muss. Sinnreich anzuschauen, wie sich hier ein wilder Mephisto mit seiner Leine arrangiert.

Nicht an Cave vorbeigegangen ist die moderne Physik: Mit dem Higgs Boson Blues kehrt Cave nach einer eher langatmigen Balladenstrecke zurück zu den Paukenschlägen, wobei ihm das Publikum zwischendurch - radetzkymarschmäßig - die Viertel mitklatscht. Schließlich fehlen auch die Mörderballade Stagger Lee und das durch Johnny Cash gecoverte The Mercy Seat nicht. (Roman Gerold, DER STANDARD, 26.11.2013)

  • Zwischen moderner Physik, Teufelsromantik und Schlangenbeschwörung: Nick Cave and the Bad Seeds rollen Schneebälle in ihren Händen zu Lawinen.
    foto: christian fischer

    Zwischen moderner Physik, Teufelsromantik und Schlangenbeschwörung: Nick Cave and the Bad Seeds rollen Schneebälle in ihren Händen zu Lawinen.

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