Kastilien: Ávila, ein interessanter Mauerfall

25. November 2013, 16:53
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Ávila harrt der Europäer, die da noch nicht kamen. Hinter die imposante Stadtmauer blicken meist nur spanische Pilger

Menschen, die meterhohe Mauern errichteten, hatten zumeist nur eine der zwei Seiten im Sinn. Die drinnen sollten Schutz vor denen da draußen genießen. Im kastilischen Ávila ist diese Atmosphäre einer Quarantäne, die dadurch im Inneren entstand, noch gut spürbar. Und doch es ist ein Gefühl, das heute nicht mehr negativ wirkt auf Bewohner wie Besucher.

1985 wurden die romanische Mauer und die Altstadt Ávilas zum Weltkulturerbe ernannt. Der Monumentalbau mit 2516 Metern ist die längste und am besten - weil vollständig - erhaltene Stadtmauer Westeuropas. Doch anders als im nahen Toledo oder Burgos umfriedet sie eine überraschende Intimität, vor allem Besucher aus dem Ausland kommen noch nicht in Scharen. Dabei kämen sie dem weithin gerühmten, besonders azurblauen Himmel über Kastilien hier näher als anderswo. Ávila liegt auf 1130 Meter Seehöhe. Doch beim Spazieren auf der Mauer bringt einen die mitunter heftige Brise im Gebirge leicht aus dem Gleichgewicht. Und genau dieses Klima lockt im Sommer hitzegeplagte Madrilenen aus der knapp 100 Kilometer entfernten Hauptstadt, aber eben seltener Touristen aus der Mitte Europas.

88 Türme und 2500 Zinnen säumen die zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert auf den Überresten römischer und keltischer Wehranlagen erbaute Mauer. Dabei war ihr Umfang bereits vor einem halben Jahrtausend zu eng bemessen, wie sich schnell in Erfahrung bringen lässt: Zahlreiche Paläste, Klöster und die imposante Salvador-Kathedrale mussten auf engstem Raum Platz finden, der Chor der gotischen Kathedrale durchstößt die Stadtmauer im Süden sogar. Und so taucht man in der höchstgelegenen Provinzhauptstadt Spaniens beim Durchschreiten eines der neun Stadttore ein in einen gedrängten und mittelalterlichen Mikrokosmos.

Gegen Mauern rennen

Zu diesem Kosmos alter Geschichte und Geschichten zählt auch ein gewisser Pedro, der im Kindesalter in imaginären Ritterspielen gegen die alten Mauern stürmte - auf einem Holzpferd und mit Holzschwert bewaffnet. Waisenkind Pedro ist Protagonist im Erstlingsroman des spanischen Autors Miguel Delibes, der 2010 verstarb und im gesamten spanischen Sprachraum zur Pflichtlektüre in Schulen gehört. Der Schatten der Zypresse verlängert sich heißt sein erster Roman in der deutschen Übersetzung, dessen Handlung sich im Ávila der düsteren 1940er-Jahre nach dem Bürgerkrieg entfaltet. Und auch der junge Pedro ist überzeugt, dass sich die Menschen hinter diesen Mauern eine besondere Intimität und Form der Quarantäne bewahren konnten: "Ich bin in Ávila geboren, der alten Stadt der Mauer. Ich glaube, die Stille und das Zurückgezogensein verfestigten sich in meiner Seele bereits im Augenblick der Geburt", ließ Delibes seinen Protagonisten sagen.

Hinter solchen Mauern konnten freilich auch ganz eigene kulinarische Traditionen entstehen, deren Ruf allerdings recht schnell nach außen drang: Ein Steak vom autochthonen Rindvieh etwa hat hier den klingenden Namen Abulense Íberico - unter allen Iberern ein Synonym für gute Steaks und die Stadt selbst. Wohl ebenso typisch für Ávila und deren Geschichte: die auf Eidotter-Zucker-Basis hergestellten Yemas de Santa Teresa. Nach geheimer Originalrezeptur hergestellt und verkauft wird die Süßspeise seit knapp 120 Jahren im Feinkostgeschäft Flor de Castilia auf der der Plaza de Santa Teresa. Und dazu kredenzt wird nicht selten eine verniedlichend "Limonade" genannte lokale und sehr kräftige Sangria-Variante. Doch wer war diese Teresa eigentlich?

Spuren einer starken Frau

Die heilige Teresa von Ávila, Stadtheilige und Gründerin des Karmeliterordens, die im 15. Jahrhundert - freiwillig, wie es heißt, und nicht wie so viele hier unter Zwang - zum Christentum konvertierte, ist die Namenspatronin für diese Kalorienbömbchen. Eine starke Frau, die den Katholizismus inmitten der aufflammenden spanischen Inquisition auf dessen ursprüngliche Wurzeln zurückbesinnen wollte. Logischerweise begegnet man ihrer versteinerten Biografie in Ávila auf Schritt und Tritt: in ihrem Konvent, in ihrem Geburtshaus und im Konvent des heiligen Josef, den ebenfalls sie gegründet hat.

2015 jährt sich die Geburt der Theologin zum 500. Mal, was freilich Anlass ist, die gute Frau, wie bei den Iberern üblich, so andächtig wie ausgelassen zu feiern - Eidotter-Massen für die Yemas inklusive. Dann wird der religiöse Tourismus, klar das wichtigste Zugpferd der lokalen Wirtschaft, vielleicht sogar noch ein wenig zunehmen. Denn nicht nur die Osterprozessionen der Cofradía genannten Bußbrüder und -schwestern ziehen alljährlich abertausende Gläubige während der Semana Santa an. Das "Jerusalem des alten Kastilien", wie sich die Kleinstadt seit der Zeit der Reconquista wegen der Mauer und der umliegenden Ölberge nennt, rühmt sich eines quasi ganzjährigen katholischen Feiertagsfahrplans: Auch zu Pfingsten kommen viele Pilger, und die Weihnachtszeit ist überhaupt die touristisch wichtigste Woche, in der immer mehr russische, chinesische und israelische Gäste kommen.

"Die Parallelen zu Jerusalem sind offensichtlich, und wirklich kein Einfall unserer Marketingabteilung", scherzt Miguel Ángel García Nieto, der Bürgermeister Ávilas von der konservativen Volkspartei. Ganz unrecht hat er natürlich nicht: Sephardische - also spanische - Juden, prägten Ávila gleichermaßen wie deren muslimische und christliche Bürger. So ist sie heute auch Teil des Netzwerks der sephardischen Städte Spaniens.

Die ehemalige Synagoge, die Sinagoga del Pocillo, und andere historische Gebäude - die Geburtshäuser von jüdischen Mystikern und Theologen etwa - wurden mit einer Plakette in der Form der Halbinsel und mit dem hebräischen Wort "Sefarad" gekennzeichnet. Eine Hervorhebung, die hinter diesen Mauern angebracht scheint, führte die Stadt doch auch lange den Titel "Ávila de los leales" - Ávila, Stadt der Treuen. In der Altstadt hängen bis heute Schilder, die die Treue Ávilas zu General Franco während der Diktatur bezeugen sollten. (Jan Marot, DER STANDARD, Album, 23.11.2013)

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Diese Reise wurde unterstützt von der Stadt Ávila.

  • Hinter Ávilas Stadtmauern - die besterhaltenen mittelalterlichen Europas - blicken noch wenige Mitteleuropäer. Sie stehen meist im Schatten der bekannteren kastilischen Städte Toledo und Burgos.
Foto: wikicommons/Volsukae
    foto: wikicommons/volsukae

    Hinter Ávilas Stadtmauern - die besterhaltenen mittelalterlichen Europas - blicken noch wenige Mitteleuropäer. Sie stehen meist im Schatten der bekannteren kastilischen Städte Toledo und Burgos.

    Foto: wikicommons/Volsukae

  • Anreise: Flug Wien-Madrid nonstop mit Air Berlin / Niki oder Iberia. Vom Bahnhof Madrid Chamartin weiter in 1 Stunde und 20 Minuten nach Ávila. Unterkunft: zum Beispiel das Hotel Las Moradas oder das Hotel Las Leyendas; alternativ: viele schöne Landhäuser - "casas rurales". Essen und Trinken: im La Bruja gute mazerierte Schweinshaxen vom lokalen Iberico-Schwein. Im Las Murallas (Plaza San Vicente, 3) ist die Spezialität Spanferkel; weitere touristische Infos: www.spain.info; www.avilaturismo.com

    Anreise: Flug Wien-Madrid nonstop mit Air Berlin / Niki oder Iberia. Vom Bahnhof Madrid Chamartin weiter in 1 Stunde und 20 Minuten nach Ávila.
    Unterkunft: zum Beispiel das Hotel Las Moradas oder das Hotel Las Leyendas; alternativ: viele schöne Landhäuser - "casas rurales".
    Essen und Trinken: im La Bruja gute mazerierte Schweinshaxen vom lokalen Iberico-Schwein. Im Las Murallas (Plaza San Vicente, 3) ist die Spezialität Spanferkel; weitere touristische Infos: www.spain.info; www.avilaturismo.com

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