Auseinanderfallen der Gesellschaft

25. November 2013, 07:19
posten

David Greigs Drama "Die Ereignisse", in dem ein Terroranschlag aufgearbeitet wird, feierte Österreich-Premiere am Schauspielhaus Wien

Wien - Am Ende gibt es in David Greigs Drama Die Ereignisse tatsächlich Antworten auf die Frage, warum ein junger Mann blindwütig in eine Menschenmenge schießt. Ein multikultureller Chor war Ziel seines Terroranschlags, viele starben. Die Chorleiterin Claire (Franziska Hackl) überlebte und will als unmittelbar Betroffene die unmenschliche Tat irgendwie verstehen.

Den Täter, der im Original (The Events) einfach nur "The Boy" heißt und der zugleich mehrere Figuren im Stück vertritt (seinen Vater, einen Freund, einen Politiker), konfrontiert die Chorleiterin gegen Ende des Stücks direkt mit der Frage nach dem Warum, und er sagt: "Ich töte, um meinen Stamm zu schützen." Ob er Ausländer hasse? - "Nein, ich hasse, dass Ausländer hier sind."

Bei der Uraufführung am Traverse Theatre von Edinburgh im Juli des Jahres haben diese Sätze das ganz unpathetische Trauerstück ganz unvorbereitet erschüttert. Gegen die sachliche Banalität des Gesagten erhebt sich immer wieder der Gesang des auf der Bühne anwesenden und bei jeder Aufführung wechselnden Chores. Regisseur Ramin Gray behandelte das Drama wie eine fragile Liturgie, in der Schritt für Schritt das Unfassbare der "Ereignisse" näherrückt.

Schwebezustand des Stücks

Am Wiener Schauspielhaus, wo die internationale Koproduktion am Freitagabend Österreich-Premiere hatte (es sang der Brunnenchor), hatte das Stück Mühe, seinen Platz zu finden. Allzu eng schien das Arrangement aus Sesseln und Chortribüne auf der Kellerbühne in der Porzellangasse (Ausstattung: Chloe Lamford), wo die Trauerarbeit der Chorleiterin in kurzen szenischen Clips allmählich ein volles Puzzle ergab. Der fehlende Raum, die fehlende Weite haben viel von der tragisch-feierlichen Grundstimmung, von der Überhöhung, vom Schwebezustand des Stücks genommen. Hier findet es selten aus der unmittelbaren Realität seiner Umstände heraus (Chorsingen im Volkshochschulkurs).

Zudem geht die deutlich ausagierte Darstellung Florian von Manteuffels als "der Junge" in ihrer Behauptung sehr weit und wird dadurch eindimensional: Er stellt einen dar, der von einer Vision besessen ist.

Der satte Applaus, den die Produktion am Premierenabend dennoch in Empfang nahm, ist einerseits dem Anliegen des Stücks geschuldet, das sich in Anbetracht von Terroranschlägen wie jenem von Anders Breivik in Norwegen 2011 eklatanter Fragen unserer auseinanderfallenden Gesellschaft annimmt. Wie können Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammenleben, und warum haben viele Angst davor? Zum anderen ist das Konzept des jeweils wechselnden Chores ein vorzüglicher, integrativ zu lesender Gedanke des Stücks (Korrepetitor: Stephen Delaney). Dieser spiegelt einerseits die Vielfalt einer Bevölkerung wider, agiert andererseits auch im Sinne eines griechischen Chores, als Stimme der Überhöhung. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 25.11.2013)

  • Will eine unmenschliche Tat begreifen: Chorleiterin Claire (Franziska Hackl).
    foto: alexi pelekanos

    Will eine unmenschliche Tat begreifen: Chorleiterin Claire (Franziska Hackl).

Share if you care.