Kroaten in Österreich: Sie kamen - und blieben

25. November 2013, 05:30
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Seit dem 15. Jahrhundert hat Österreich mehrere Einwanderungswellen aus dem heutigen Kroatien erlebt. Sie haben Geschichte, Kultur, Gesellschaft und Wirtschaft des Landes und besonders der Hauptstadt Wien nachhaltig beeinflusst.

Wien - Auch wenn heute vor allem die Flucht kroatischer Bürger nach Österreich im Zuge der Vertreibungen des Jugoslawienkrieges Anfang der 1990er-Jahre, vielleicht auch noch der "Gastarbeiterstrom" der späten 1960er-Jahre im Gedächtnis ist: Die Geschichte der Einwanderung kroatischstämmiger Personen nach Österreich reicht viel weiter zurück - sie nahm vor rund 500 Jahren ihren Anfang.

Die erste größere Welle der Migration erfolgte im 15. und 16. Jahrhundert. Im Gefolge der osmanischen Eroberungen und Plünderungen in den kroatischen Ländern zogen Kroaten gegen Norden, um sich in der heutigen Südslowakei und in Südmähren, in Niederösterreich, Westungarn und dem Burgenland anzusiedeln.

Rund 20.000 Burgenlandkroaten

Mit dem Vertrag von Trianon 1920 fiel Westungarn - und mit ihm viele kroatische Gemeinden - an Österreich. 1976 wurden die Nachfahren der frühen Siedler, die Burgenlandkroaten, nach dem Volksgruppengesetz als autochthone Volksgruppe anerkannt. Laut Volkszählung von 2001 sind rund 20.000 Burgenlandkroaten im Burgenland ansässig; die Zahl der in Wien lebenden Volksgruppenangehörigen schätzt der Hrvatsko kulturno društvo u Gradišću, der Kroatische Kulturverein im Burgenland, auf rund 10.000 bis 15.000.

Hatte die Auswanderung aus Kroatien bis 1939 vorwiegend wirtschaftliche Gründe, kehrten während des Zweiten Weltkriegs und danach viele Kroaten ihrer Heimat aus politischen Motiven den Rücken. Die restriktive Auswanderungspolitik des Tito-Regimes fand in den 1960er-Jahren ein Ende: Geburtenstarke Jahrgänge und durch Wirtschaftsreformen bedingte Entlassungen hatten den jugoslawischen Arbeitsmarkt geschwächt.

Beginn der Gastarbeiterwelle

Zur gleichen Zeit kämpfte Österreich, so wie andere europäische Industriestaaten, mit einem akuten Mangel an Arbeitskräften. Um diesem entgegenzuwirken, entschloss man sich dazu, "Fremdarbeiter" ins Land zu holen, und unterzeichnete Anwerbeabkommen mit mehreren Staaten: nach Spanien und der Türkei 1966 auch mit Jugoslawien. Es war dies der Beginn der Gastarbeiterbewegung. 1971 zählte man mehr als 93.000 jugoslawische Staatsbürger in Österreich - aus Bosnien und Herzegowina, aus Serbien und zu einem großen Teil auch aus Kroatien.

Primär hatte man einen kurzfristigen Aufenthalt der Arbeitskräfte angedacht. Tatsächlich entschlossen sich viele aber zu bleiben; von heimischen Unternehmen oftmals ermuntert, schufen sie sich in Österreich eine Existenz, holten ihre Familien nach.

Neben "Gastarbeitern" passierten in diesen Jahren auch zahlreiche kroatische Intellektuelle die österreichische Grenze, nach der Niederschlagung des "Kroatischen Frühlings" 1971 - in ihm waren Liberalisierungs- und Reformbestrebungen, der Wille zur weitgehenden Unabhängigkeit Kroatiens und ein erstarkendes nationales Selbstbewusstsein gegipfelt - enttäuscht und vieler Hoffnungen beraubt.

Migration durch Ausbruch des Krieges

Die letzte bedeutsame Migrationsbewegung setzte mit Ausbruch des Krieges in Ex-Jugoslawien 1991 ein: ein Flüchtlingsstrom von rund 13.000 kroatischen Flüchtlingen. Sie erhielten in Österreich Aufenthaltsrecht, kehrten nach Ende der Kampfhandlungen jedoch überwiegend wieder in die Heimat zurück.

Heute halten einander Zu- und Wegzüge weitgehend die Waage. 2011 lebten laut Statistik Austria knapp 70.000 Menschen kroatischer Herkunft in Österreich. In dieser Zahl nicht berücksichtigt sind all jene, die kroatische Wurzeln aufweisen, deren Familie aber bereits zumindest in zweiter Generation in Österreich lebt. Ob in Österreich oder Kroatien geboren, ob in erster, zweiter oder dritter Generation hier lebend: 84 von 100 Menschen mit kroatischem Hintergrund fühlen sich in Österreich integriert, wie eine 2007 bis 2009 erstellte Studie des Österreichischen Integrationsfonds ergab.

Annäherung im Weinkeller

Burgenlandkroaten und Kroaten, die im Laufe der letzten Jahrzehnte in Österreich eingewandert sind, mag eine jahrhundertelange Geschichte unterscheiden; ihre vielfältigen kulturellen und sprachlichen Wurzeln schaffen jedoch eine enge Verbindung. Seit Beginn der Einwanderungswelle der ausklingenden 1960er-, vor allem aber der 1970er-Jahre hat man den Kontakt zueinander zunehmend intensiviert. Zunächst hatten zahllose kroatische Immigranten der 1970er-Jahre - ob Gastarbeiter oder Aktivisten des "Kroatischen Frühlings" - als Gäste etwa im burgenländisch-kroatischen Weinkeller, bei Veranstaltungen und im Klub der burgenländischen Kroaten in Wien an Vertrautem wie Gesang und Tanz angeknüpft, um in der Fremde leichter Fuß zu fassen. Manch einer zeigte sich von der Tatsache angetan, dass es in Wien mit Hrvatske Novine eine kroatische Zeitung gab - so etwas war im damaligen Jugoslawien undenkbar.

Verleugnung der slawischen Muttersprache

Bei aller Offenheit und Gastfreundschaft, die den kroatischen Zuzüglern damals entgegengebracht wurde: Nicht jeder burgenländische Kroate empfand die Gastarbeiterwelle aus Kroatien als friktionsfrei, wie Werner Varga weiß. Viele, so der Präsident der Österreichisch-Kroatischen Gesellschaft, habe "die Furcht, mit den Gastarbeitern in einen Topf geworfen und auch 'Tschusch' genannt zu werden", zur Verleugnung der slawischen Muttersprache getrieben.

Trotz vereinzelter Probleme entstanden aus den Kontakten von damals zahllose Freundschaften; auch so manche "Mischehe" aus burgenländischen und kroatischen Kroaten hatte, wie man sich zu erzählen weiß, im burgenländisch-kroatischen Weinkeller ihren Anfang genommen. (Josip Sersic, DER STANDARD, 25.11.2013)

Josip Seršić (65), Autor und Arzt, wurde in Baska (Insel Krk) geboren und lebt seit 1988 in Wien. Der Text stammt aus seinem neuen Buch "Kroatisches Wien – Hrvatski Beč".

  • Wie bei vielen anderen Bauten in Wien wurde auch beim Äußeren Burgtor Marmor aus Kroatien verwendet.
    foto: cgs-verlag/michael ellenbogen

    Wie bei vielen anderen Bauten in Wien wurde auch beim Äußeren Burgtor Marmor aus Kroatien verwendet.

  • Dieses Restaurant am Spittelberg geht zurück auf eines der ältesten Kaffeehäuser Wiens im "Krowotendörfel".
    foto: cgs-verlag/michael ellenbogen

    Dieses Restaurant am Spittelberg geht zurück auf eines der ältesten Kaffeehäuser Wiens im "Krowotendörfel".

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