Die Provinz ist eine Insel

Ansichtssache24. November 2013, 17:30
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Wenn Fernsehkommissare auf Sommerfrische fahren, steigt am Urlaubsort rapide das Risiko, ermordet zu werden. Muss was mit Angebot und Nachfrage zu tun haben. Auch am Sonntag passierte im "Tatort" ein Mord auf Langeoog - der Hamburger Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) war zu Besuch.

foto: orf/ard/boris laewen

Eine tote Frau wurde in den Dünen gefunden, malerisch: ihre Leichenzehen im Sand. Daneben ein blutverschmierter Teenager, der Bruder der Freundin von Falkes Freund. Klar. Abgesehen vom fahrlässigen Umgang mit dem traumatisierten, selbstmordgefährdeten Mordverdächtigen (merke: auf Inseln gibt es keine Polizeipsychologen) gestalten sich die Ermittlungen nicht unspannend.

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Interessanter aber ist, wie hier - wie im Mittelalter - eine finstere Parallelwelt aufgebaut wird. Einerseits gibt es die aufgeklärten Städter: den milchtrinkenden Falke, der seine hübsche blonde Kollegin siezt und sich in ihr Bett nur legt, um ein Schläfchen zu machen. Und seinen Freund, der hübsche Strickpullover und sein Baby durch die Gegend trägt.

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Die provinzielle Inselgemeinschaft ist daneben wie ein Straflager für den Abschaum der Gesellschaft. "Ich kann hier nicht weg, das ist 'ne Insel", sagt Falke einmal.

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Die Eingeborenen blicken verschlagen aus ihren kleinen Äuglein und hausen in düsteren Drogenküchen, in denen sie "Schenkelspreizer", also K.-o.-Tropfen brauen. Einer wollte das Mordopfer "ficken. Aber sie wollte nich'. Blöde Kuh." Sogar der verliebte Teenie erzählt wie selbstverständlich, dass er sich die Drogen besorgt hat, um mit der Frau, mit der er liiert war, zu schlafen.

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foto: orf/ard/boris laewen

Kann man nur hoffen, dass es solche Inseln nicht gibt. Und hier nur jemand seinen Hass auf die Provinz ausagiert hat. (Andrea Heinz, DER STANDARD, 25.11.2013)

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"Erstaunlich, wie dem Plot nicht nur jede Wucht, sondern auch jede Logik ausgetrieben wird. Ein Drehbuch wie unter einem Nebelschleier entstanden: Beim Schreiben fuhr man offenbar auf Sicht, entschied von Minute zu Minute, wie es denn nun weitergehen soll. Einen Handlungsbogen sucht man vergeblich", urteilt Christian Buß im "Spiegel".

"Die Gefahr bei jedem Inselkrimi besteht darin, dass das gebremste Lebenstempo auf der Insel der gesamten Geschichte ihren erzählerischen Schwung nimmt", schreibt Holger Gertz auf sueddeutsche.de. "Und obwohl in diesem 'Tatort' so viele tolle Leute mit zum Teil großartigen Wollmützen mitspielen, ist das Ganze - wie man im Norden sagt - auf Dauer dann doch 'n büschen langweilig."

Wie hat Ihnen dieser "Tatort" gefallen? Top odre Flop? (red, derStandard.at, 24.11.2013)

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