Klimagipfel: "In Realität fast nichts erreicht"

Interview24. November 2013, 18:08
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Warum für den dänischen Politologen Björn Lomborg Japans Abkehr vom Kioto-Protokoll ein Lichtblick des Klimagipfels war

STANDARD: Beim Klimagipfel in Warschau ist wenig weitergegangen. Was nehmen Sie als Kritiker der aktuellen Politik der Reduktion von Treibhausgasemissionen mit?

Björn Lomborg: Die wichtigste Nachricht in Warschau war, dass Japan den alten Pfad der Klimapolitik verlassen hat. Das Land wurde heftig dafür kritisiert, dass es seine unrealistisch hohen Ziele zur CO2-Reduktion aufgegeben hat. Wichtiger aber ist, dass die Japaner in den nächsten fünf Jahren 110 Milliarden Dollar für Forschung und Entwicklung zu grüner Energie ausgeben werden. Das ist zweimal so viel, wie aktuell weltweit in diese Forschung gesteckt wird.

STANDARD: Auch das ist lediglich eine Ankündigung.

Lomborg: Es stimmt, es wird tendenziell mehr angekündigt als getan. Aber Japan geht den richtigen Weg. Wir müssen die grünen Energien günstiger machen. Wären sie günstiger, würden alle sie verwenden, auch Länder wie China und Indien. Das ist der einzige Weg, um nachhaltig die Emission von Treibhausgasen zu senken. Wir haben die Ziele des Kioto-Protokolls nicht erreicht, außerhalb der EU zumindest. Und selbst in der EU ist ein großer Teil entweder mit Tricks bei der Verbuchung geschafft worden oder indem die Emissionen mit der Industrieproduktion einfach abgewandert sind. Der Weg, den wir heute gehen, um die Treibhausgase deutlich zu senken, ist eine große Rezession. Eine Lösung kann es nur mit technologischem Fortschritt geben.

STANDARD: Aber Ausgaben für Forschung und Entwicklung sind doch bereits deutlich gesteigert worden, Solar- und Windenergie wird immer günstiger. Hilft das nicht?

Lomborg: Natürlich. Wenn man 100 Milliarden Euro für Solarpaneele ausgibt, geht natürlich auch etwas davon in die Forschung und Entwicklung, etwa fünf Prozent. Aber damit wird ein Großteil des Geldes verschwendet. Anstatt das nächste ineffiziente Windrad oder Solarpaneele zu kaufen, sollten wir das Geld cleveren Forschern geben, damit wir irgendwann eine Solarzelle der dritten oder vierten Generation oder gänzlich neue Technologien habe. Der aktuelle politische Zugang zur Senkung von Treibhausgasen versagt seit 21 Jahren.

STANDARD: Doch das Versprechen, in Forschung zu investieren, ist genauso vage. Das Ziel, CO2-Emissionen bis 2020 um 20 Prozent zu senken, ist konkret und damit politisch interessanter und umsetzbar.

Lomborg: Das stimmt auf der emotionalen Ebene. Investitionen in Forschung fühlen sich nicht so inspirierend an. Es ist nicht greifbar wie ein Solarpaneel auf dem Dach. Damit fühlen sich vielleicht die Wähler und Politiker etwas wohler, weil man ja was gegen den Klimawandel tut, aber in der Realität wird fast nichts erreicht. Ich bin aber überzeugt, dass uns künftige Generationen nicht daran messen werden, ob wir uns gut gefühlt haben, sondern ob wir Gutes getan haben. Politisch wäre es möglich, etwa 0,2 Prozent der Wirtschaftsleistung in Forschung und Entwicklung zu stecken. Das können wir im Jahr danach sofort nachprüfen. Aber bei CO2-Zielen können wir erst dann überprüfen, wenn es zu spät ist, wie etwa im Falle Kanadas. Die Wahrheit ist: Forschungsausgaben sind effektiver, und überprüfbar.

STANDARD: Ein großer Konfliktherd in Warschau war die Kostenverteilung zwischen Industrie- und Schwellenländern. Warum ist ein Kompromiss so schwierig?

Lomborg: Die meisten Teile der Erde werden künftig mehr Energie brauchen als bisher. Subsahara-Afrika, ohne Südafrika, produziert nur genauso viel Energie wie der US-Bundesstaat Arizona. 800 Millionen Menschen verfügen nur über genauso viel wie sechs Millionen Amerikaner. Es ist daher klar, dass künftig viel mehr Energie nachgefragt wird. Wir haben die Wahl. Wird künftig mit sauberer, billigerer, grüner Technologie produziert oder mit schmutziger Kohle?

STANDARD: Aber genau wegen dieses Anspruchs auf Wachstum dürfte der CO2-Ausstoß weiter steigen.

Lomborg: Wir verbrennen Öl ja nicht, um Al Gore zu ärgern. Wir treiben damit alles an, was wir an der modernen Zivilisation lieben. China hat 680 Millionen Menschen in den vergangenen 30 Jahren aus der Armut geholt, und das mit der sehr schmutzigen Kohle geschafft. Wer in China den Konsum von Kohle einschränken möchte, muss sicherstellen, dass das Land Teil der Schiefergas-Revolution wird und grüne Technologie geliefert bekommt. Für arme Länder ist die größte Herausforderung, reich zu werden. Nicht, die Temperaturanstiege in 100 Jahre zu verhindern.

STANDARD: China ist in den vergangenen Jahren zum größten Klimasünder geworden. Muss das Land nicht angesichts der stetig schlimmeren Luftverschmutzung bald einlenken?

Lomborg: China wird sein Luftverschmutzungsfiasko in den Griff bekommen. Es wird Filter auf seinen Kraftwerken anbringen und verhindern, dass die Haushalte selbst daheim so viel Kohle verbrennen. Das ist das Beste, was sie aktuell an Umweltpolitik machen können. Das heißt aber nicht, dass sie nicht mehr mit Kohle heizen werden. Es heißt aber, dass sie die Kohle viel sauberer machen, so wie wir es im Westen getan haben. (Lukas Sustala, DER STANDARD, 25.11.2013)

Björn Lomborg (48) ist ein dänischer Politikwissenschafter und Leiter des Copenhagen Consensus Center. Er ist Autor zahlreicher kritischer Bücher zur aktuellen Politik gegen den Klimawandel.

  • Beim Klimagipfel in Warschau einigte man sich auf einen Minimalkompromiss.
    foto: reuters

    Beim Klimagipfel in Warschau einigte man sich auf einen Minimalkompromiss.

  • Lomborg: "Wir verbrennen Öl ja nicht, um Al Gore zu ärgern."
    foto: jupin

    Lomborg: "Wir verbrennen Öl ja nicht, um Al Gore zu ärgern."

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