"...hominis est errare...

31. August 2003, 19:13
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...nullius, nisi insipientis, in errore persevare", so steht es bei Cicero in den Philippischen Reden - Kolumne von Antonella Mei-Pochtler

...nullius, nisi insipientis, in errore persevare", so steht es bei Cicero in den Philippischen Reden, zu deutsch: Irren ist menschlich - klug ist, wer aus dem Irrtum lernt. Lernen kann man zum Glück nicht nur aus den eigenen, sondern - weit weniger leidvoll - aus den Fehlern anderer. Dies ist besonders im Wirtschaftsleben wichtig - denn Irren ist vor allem auch unternehmerisch.

So lehren uns Beispiele wie AEG, SwissAir oder Ankerbrot mehr als die Erfolgsstories aus "In Search of Excellence". Gerade die letzten Jahre boten Lernmöglichkeiten wie nie zuvor, konnten wir doch eine Serie rekurrierender unternehmerischer Fehler beobachten:

1 Erfolgsrezepte der Vergangenheit extrapolieren - vor allem in dynamischen Märkten eine Gefahr: Mit alten Rezepten haben die Musik-Majors bisher keine Lösung für das Internet gefunden. Aber auch Unternehmen wie McDonald's oder Microsoft tun sich schwer mit der Anpassung an neue Bedingungen. Was hilft, ist die Sicht eines branchenfremden Angreifers auf den eigenen Markt.

2 Moden nachlaufen, nachhaltige Differenzierung vernachlässigen. Ob Dotcom-Fieber, Stock-Option-Hype oder Reengineering-Begeisterung, ohne klare Nutzenanalyse für die individuelle Situation sollte man lieber die Finger davon lassen.

3 Überteuerte Akquisitionen statt langfristige Entwicklung von innen. "Akquisitionsjunkies" wie Enron oder EM.TV haben gezeigt, wie man sich übernehmen kann, und dem kurzfristigen Schub an der Börse das böse Erwachen folgt. Antizyklisches Handeln nach einem durch Szenarien getesteten Plan hilft.

4 Zu wenig Investitionen in Mitarbeiterqualität. Der größte Fehler betrifft den größten Hebel zur Differenzierung im Wettbewerb: Gebraucht werden Menschen, die weiter sehen als andere, teamfähig und zupackend sind und offen für Veränderungen. Eine falsche Auswahl kann nicht durch Training kompensiert werden.

Folgt man einer Langzeit-Studie von Sydney Finkelstein, so haben diese Fehler ihre tiefere Ursache in der Persönlichkeit von Managern. Was, richtig dosiert, Erfolgsvoraussetzung ist, führt im Extrem zum Scheitern - und die Überdosis ist schnell erreicht: von Ehrgeiz und Gestaltungswille zum Größenwahn; von unabhängiger Urteilskraft zum Realitätsverlust; von Selbstsicherheit zur Eitelkeit; von Visionskraft zur Sturheit; von der Identifikation mit dem Unternehmen zur Vermengung von persönlichen und Firmen-Interessen.

Während sich unternehmerische Fehler durch systematisches Lernen, Risikomanagement und strategische Personalpolitik verhindern lassen, ist es bei den Persönlichkeitsfehlern viel schwieriger. Sie steigern sich oft unmerklich zur Gefahr. Hier hilft nur die kontinuierliche, kritische und konstruktive Auseinandersetzung mit anderen sowie ein System von "Checks and Balances", das den Auswüchsen der Macht entgegenwirkt. Menschen können nur dann Fehler - eigene und fremde - als Chance nutzen, wenn sie bereit sind, die Fehlbarkeit ihres Denkens und Handelns anzuerkennen.

Dagegen steht in vielen Unternehmen eine Fehlerkultur wie in Kafkas "Schloss": "Es ist ein Arbeitsgrundsatz der Behörde, dass mit Fehlermöglichkeiten überhaupt nicht gerechnet wird. Dieser Grundsatz ist berechtigt durch die vorzügliche Organisation des Ganzen, und er ist notwendig, wenn äußerste Schnelligkeit der Erledigung erreicht werden soll."

Gerade im Management hilft uns da Ciceros Verständnis vom menschlichen Irren weit mehr.

Nachlese

->Europas Zukunft sieht alt aus
->Sind Optionen keine Option?
->Brand It Like Beckham
->Jazz statt Symphonie
->Erfolg=Wissen mal Fähigkeiten
->Wozu braucht man Berater?
->Veränderungs-Dilemma
->Ein Plädoyer für Strategie
->Wenn Manager autistisch werden
->Sag mir, wo die Frauen sind ...
->Ich google - Sie auch?
->Die Demokratisierung des Luxus
->Abschied von der AG?
->Die Geheimnisse des Phoenix
->Siegen à la Alinghi
->Anleitung zum Glücklichsein
->Die Suche nach dem Mehr
->Lust auf Leistung
->Eine doppelte Melange
->Sei willkommen Krise?
->"Denk' ich an Deutschland..."
->Gegen die Endzeit-Stimmung

Dr. Antonella Mei-Pochtler ist Senior Partnerin von The Boston Consulting Group BCG) und Leiterin des Wiener Büros. kolumne.at@bcg.com
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