Mobbing: "Verbitterung ist schlimmer als Depression"

8. August 2003, 21:03
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Arbeitsplatzkonflikte häufigster Grund für posttraumatische Störungen

Berlin - Die Wirtschaftskrise führt zu einer Zunahme psychischer Erkrankungen. Gerade Probleme am Arbeitsplatz sind die Hauptursache eines neuen Krankheitsbilds, das der Berliner Psychiater Professor Michael Linden kürzlich erstmals beschrieben hat: Posttraumatische Verbitterungsstörung, offenbar eine Art posttraumatischer Belastungsstörung. Besonderes Merkmal ist die tiefe Verbitterung infolge einer persönlichen Kränkung. Zu den weiteren Symptomen zählen neben Depressionen und Phobien, Selbstzweifel, Aggressionen, Appetitlosigkeit und Schlafstörungen bis hin zu Selbstmordgedanken.

Laut Linden steigt die Zahl der Betroffenen stetig. Eine Studie des Mediziners ergab, dass fast zwei Drittel der Patienten nach Problemen am Arbeitsplatz erkranken: 38 Prozent entwickeln die Symptome nach einer Kündigung, weitere 24 Prozent nach arbeitsbedingten Konflikten. Jeder siebte Patient erkrankt nach dem Tod eines geliebten Menschen, ebenso viele weitere nach anderen familiären Problemen.

Bisher galten diese Patienten unspezifisch als Depressive, Phobiker oder Psychosomatiker. Im Gegensatz zu depressiven Patienten sind jedoch die emotionalen Verhaltensmuster der PTED-Patienten weitgehend unbeeinträchtigt. Die Gedanken der Patienten kreisen zwanghaft um die erlebte Kränkung, oft tauchen Rachegedanken auf. Versuche, die Kränkung zu vergessen, verschlimmern die Lage nur. Diesen Teufelskreis können die Menschen aus eigener Kraft kaum durchbrechen. "Verbitterung ist schlimmer als Depression", betont Linden.

Schon vor der auslösenden Kränkung stecken die Betroffenen oft in einem psychischen Korsett aus Normen und Werten, die ihnen während der Kindheit vermittelt wurden. Rigide Grundsätze engen ihr gesamtes Leben ein. Erst bei schweren beruflichen oder familiären Problemen bricht für die Menschen ihre Welt zusammen. Über Nacht ändern sie ihr bisher so diszipliniertes Verhalten. Aus Schamgefühl meiden sie Orte, an denen sie Menschen begegnen könnten, die ihr Schicksal kennen.

Gefährdet sind laut Linden vor allem Menschen, die ihr Selbstwertgefühl aus dem Beruf schöpfen. Selbst eine nicht erfolgte Beförderung kann schon ausreichen. Wird die Erkrankung nicht frühzeitig diagnostiziert und angemessen therapiert, kann sie zu dauerhafter Berufsunfähigkeit führen. Allerdings wollen viele Betroffene die Erkrankung nicht wahrhaben und lehnen psychiatrische Hilfe ab.

Linden versucht, die Blockaden seiner Patienten mit Hilfe der so genannten Weisheitspsychologie aufzubrechen. Dabei will er etwa durch Rollenspiele die Patienten dazu bringen, sich emotional in andere Personen wie etwa den Chef hineinzuversetzen und ihre Handlungen nachzuvollziehen. Dadurch soll jemand, dem gekündigt wurde, verstehen, warum der Betrieb ihn entlassen hat. Nebenbei kann dadurch die Erkenntnis entstehen, dass der Verlust eines belastenden Jobs auch ein Gewinn an Lebensqualität und die Chance für einen Neuanfang sein kann. (APA/AP)

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