8. August 2003, 11:43
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Erste Frauenpopband Afghanistans existierte nur einen Tag Ein Lied, ein Video, aber kein Gesicht (Von Geraldine Schwarz/AFP)

Berlin (AFP) - Die erste Frauenpopband Afghanistans hat kein Gesicht: Vollständig verhüllt von dem traditionellen Ganzkörperschleier plagen sich die drei Mädchen in einem Studio in Kabul mit Schlagzeug, Mikro und Kabeln der Bassgitarre. Der Ton ist miserabel, die Kamera wackelt, der Gesang ist verzerrt - und trotzdem ist Stimmung da. "Du gibst mir Deine ganze Liebe, Du schenkst mir all Deine Küsse - und dann berührst Du meine Burka und weißt nicht, wer das ist", erinnert die Sängerin in dem englischen Text mit feiner Ironie an die afghanische Gesellschaft, die zwar von der Taliban-Herrschaft befreit, aber trotzdem noch nicht in der Neuzeit angekommen ist.

"Fast nichts ist übrig geblieben von der traditionellen musikalischen Kultur" beklagt der Produzent des deutschen Labels Ata Tak, der Fehlfarben-Musiker Kurt Dahlke. Das Goethe-Institut schickte ihn deshalb im vergangenen Oktober mit zwei Kollegen in die afghanische Hauptstadt Kabul, um beim Aufbau einer neuen Musikszene zu helfen. Unter den fundamentalistischen Taliban, deren Regime 2002 durch die US-Militärintervention beseitigt wurde, sei alles zerstört worden von Instrumenten bis zur Infrastruktur, berichtet Dahlke.

Binnen weniger Wochen wollten die Musikprofis den Einheimischen Aufnahmetechnik beibringen, um die "traditionelle Musik" aus persischen, russischen und indischen Klängen auf alten Instrumenten wieder zu verbreiten, sagt Dahlke. Auch für die Rockmusik wollten sie die Afghanen begeistern, brachten Platten mit und gaben Konzerte. Zum Ende ihres Aufenthalts übergaben sie den Stab an die Afghanen: Rund 100 Einheimische nahmen an Workshops teil - darunter keine einzige Frau.

Eines Tages habe seine Mitarbeiterin Saskia die afghanische Dolmetscherin gefragt, ob sie ein bisschen Schlagzeug spielen wolle. "Zwei andere Frauen, die für uns Tee kochten, waren begeistert von der Vorstellung", eine Gruppe zusammenzubringen, berichtet Dahlke. Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen arbeiteten sie an einem Videoclip. "Wir hatten den Raum zugesperrt, um in aller Ruhe drehen zu können. Alle drei Minuten klopften männliche Schüler heftig an der Tür, weil für sie nur eines geschehen kann zwischen Männern und Frauen hinter einer verschlossenen Tür", berichtet der Musikproduzent. Jedes Mal musste die Tür geöffnet werden, um die Schüler zu beruhigen.

Die hartnäckigen Tabus in der afghanischen Gesellschaft brachten die Gruppe davon ab, die Frauen für das Video in der Burka durch den Basar tanzen zu lassen. Erstaunlich genug ist das Bild, wenn die Frauen in dem Video "Burka, Burka bluuuuueeee", singen und sich unter ihren Gewändern sogar Tanzschritte erahnen lassen - Bewegungen, mit denen sie vor kurzer Zeit noch die Todesstrafe riskiert hätten.

Das Video sei aber nicht ein einziges Mal in Afghanistan gezeigt worden. "Die Gesellschaft ist noch nicht reif genug dafür", glaubt Dahlke. Zwar sind Aufnahmen orientalischer Musik erlaubt, Konzerte werden aber nach wie vor verteufelt. So stürmten während der Musikinitiative der Deutschen mehrere Fundamentalisten eine Party, schossen aufs Orchester und töteten zwei Musiker.

"Meine Mutter trägt jetzt Jeans, die Dinge ändern sich schneller, ich weiß nicht, ob es gut ist", heißt es im Lied der Burka Band. Die anonym gebliebenen Stars sind längst in ihre Familien zurückgekehrt. "Wir werden hier wohl bleiben", lautete die kurze Antwort auf die Frage nach ihrer Zukunft. So sind von dieser eintägigen Allianz nur das Video, ein Song und der Remix der deutschen DJane Barbara Morgenstern geblieben, der in Deutschland in diesem Sommer gern gespielt wird.

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