Pressestimmen: "Arnie bringt Sex-Appeal in die Politik"

11. August 2003, 12:15
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"The Guardian": Kalifornier werden keine Fantasy-Figur wählen

Moskau/London/Zürich/Paris - Viele europäische Zeitungen haben am Freitag die Entscheidung des Austo-Amerikaners Arnold Schwarzenegger kommentiert, für die Gouverneurswahl im US-Bundesstaat Kalifornien zu kandidieren.

Die linksliberale Zeitung "The Guardian" (London):

"Arnie, wie ihn seine Fans nennen, ist eines der prominentesten Gesichter Hollywoods. Rund um den Globus wird er sofort erkannt. Aber die Kalifornier werden keine Fantasy-Figur wählen, weder Conan den Barbaren noch den Kindergarten-Cop oder gar den Terminator. Sie müssen versuchen, einen Politiker zu finden, der die Fähigkeiten und Ideen besitzt, ein Haushaltsloch von 38 Milliarden Dollar zu stopfen, eine Energie-Krise und zig andere Probleme zu bewältigen. Es ist wichtig, dass sie diesen Unterschied (zwischen Fiktion und Realität) sehen.

Aber gleichzeitig ist es wichtig, Schwarzeneggers Griff nach dem hohen Amt nicht all zu arrogant abzutun. Die Kandidatur des Filmstars bringt zumindest jene Spannung und jenen Glamour - und auch Sex-Appeal - in die Politik, die in den USA - und auch in Großbritannien - normalerweise fehlen."

Die konservative Zeitung "The Daily Telegraph" (London):

"Es wäre falsch, aus Schwarzeneggers Bewunderung für Ronald Reagan und aus den Macho-Rollen, die er gespielt hat, darauf zu schließen, dass er ein richtiger Rechtskonservativer ist. Bei Abtreibung und Schwulen-Rechten - zwei der wichtigsten Wasserscheiden in der heutigen Republikanischen Partei - ist er bekanntlich ein Anhänger sexueller Freiheit.

Dadurch ergibt sich nun eine interessante Perspektive. Zwei der bekanntesten Persönlichkeiten in der Partei nach der Bush-Ära werden wohl Schwarzenegger und Rudy Giuliani, der frühere Bürgermeister von New York, sein. Zum ersten Mal seit den Tagen von Nelson Rockefeller in den 50er und 60er Jahren besteht damit eine echte Chance, dass die führenden Persönlichkeiten der Republikanischen Partei ihrem liberalen Flügel angehören werden."

Die Moskauer Tageszeitung "Kommersant":

"Wir lieben Arnold Schwarzenegger ja nicht wegen seines schauspielerischen Talents. Wir lieben ihn allem zum Trotz, was er auf der Leinwand tut. Aber es muss in diesem Menschen irgendeine Magnetkraft versteckt sein, die es ihm auch ermöglicht, Gouverneur zu werden. Der Schauspielerberuf hat sie eher verdeckt und ihn gezwungen, Dinge zu tun, die kein normaler Mensch tut (zum Beispiel tagelang im Sumpf zu sitzen). Aber bei der Gouverneurswahl wird sich diese Magnetkraft in ihrer reinsten Form zeigen."

Die Moskauer Zeitung "Iswestija"

Die Moskauer Zeitung "Iswestija" wünscht dem Hollywood-Star "rein menschlich", dass er bei der Gouverneurswahl Erfolg hat:

"Im Kino hat er den allmächtigen Roboter gespielt, der die Menschheit vor dem unausweichlichen Ende rettet. Jetzt will Arnold Schwarzenegger, ein Mann auf dem Höhepunkt seiner Kraft, 56 Jahre alt, Republikaner, Familienmensch, mehrfacher Vater, einen einzelnen US-Bundesstaat retten. Was gibt es da zu retten? Das staatliche Defizit ist zwar etwa so groß wie der Jahreshaushalt Russlands, aber immer noch kleiner als das Vermögen von Bill Gates. Auch die Energiekrise des Sonnenstaates ist nichts im Vergleich zum erfrierenden Norden Russlands. (...) Aber der Terminator will jetzt eben den Gouverneur spielen. Ehrlich und auf eigene Kosten. Und rein menschlich wünscht man ihm, dass es klappt."

Der Zürcher "Tages-Anzeiger":

"Nirgendwo steht geschrieben, dass Filmschauspieler schlechtere Politiker sein müssen, als, sagen wir, Juristen oder Ökonomen. Schließlich ist 1980 ein anderer Hollywood-Darsteller gar Präsident der Vereinigten Staaten geworden: Ronald Reagan, der selbst einmal Gouverneur in Sacramento war. (...) Bis ins Weisse Haus kann es Arnold Schwarzenegger, falls er das möchte, nicht schaffen. Die Verfassung fordert, dass Präsidentschaftskandidaten in den USA geboren sein müssen.

Die USA sind längst nicht die einzige Nation, in deren Politik Schein oft mehr zählt als Sein. Gefährlich wird es aber dort, wo sich Image und Person so unverfroren paaren wie beim Schauspieler, der auf bestimmte Rollen abonniert ist. (...) Doch die reale Politik folgt keinem Drehbuch und öffentliche Konflikte lösen sich nicht innerhalb der Dauer eines Kinohits in Minne auf, Politik ist mitunter unberechenbar, chaotisch und frustrierend."

"La Presse de la Manche" aus Cherbourg:

"Es gab einst Herkules und seine zwölf Arbeiten, darunter die Reinigung des Augias-Stalles. Das 21. Jahrhundert hält für uns eine moderne Version der griechischen Mythologie bereit. Im Pleite gegangenen Kalifornien präsentiert sich für den Posten des Gouverneurs der Schauspieler Arnold Schwarzenegger, 56 Jahre alt und wohltätiger Held in ´Terminator´, von dem nach zwei Triumphen gerade die dritte Episode herauskam und zum Kassenschlager wurde. Nicht zuletzt ist Hollywood eines der Prunkstücke des Staates Kalifornien, dem Land des Wagemuts, aller Möglichkeiten und der High-Tech-Industrien. Mehr als anderswo sind Schauspieler hier zu Hause. So gab es vor Arnie schon Ronald Reagan als Gouverneur von Kalifornien, bevor er Präsident der Vereinigten Staaten wurde." (APA/dpa)

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