Ein Bali-"Märtyrer"

18. August 2003, 10:27
9 Postings

Die Todesstrafe für einen der Bali-Attentäter ist eine Rechnung, die nicht aufgeht - Ein Kommentar von Markus Bernath

"Auge um Auge macht die Welt blind", zitierte eine Frau im Gerichtssaal von Denpasar den indischen Friedenshelden Mahatma Gandhi. Der Tod von Amrozi, einem der Verantwortlichen des Terroranschlags auf Bali vom Oktober vergangenen Jahres, für den Tod von 202 Menschen, meist jugendlichen Urlaubern, ist eine Rechnung, die nicht aufgeht, meinte die Frau, die ihren Bruder bei dem Anschlag verlor. Sehr wahrscheinlich ist sie damit in der Minderheit - vor allem in Australien, wo sich Premierminister Howard öffentlich für die Hinrichtung des indonesischen Terroristen aussprach.

Es ist eine moralische wie eine realpolitische Abwägung: Die erste Todesstrafe gegen einen der Bali-Attentäter - weitere dürften folgen - mögen die einen befürworten, weil sie wenigstens eine gewisse Wiedergutmachung für den Tod ihrer Familienangehörigen verspüren; andere lehnen sie ab, weil sie grundsätzlich gegen die Todesstrafe sind, die ein Staat gegen seine Bürger verhängt. Die Erschießung des 40-jährigen Mechanikers wird jedoch auch seine Wirkung auf jene Teile der muslimischen Gemeinschaft nicht verfehlen, die entweder in Komplotttheorien schwelgen (Waren es wirklich Muslime, die den Anschlag auf die zwei Nachtclubs in Bali ausführten? Woher konnten einfache Leute wie Amrozi einen technisch so aufwändigen Sprengstoff erhalten? Steckt nicht die Hand der CIA dahinter?) oder ohnehin mit den kruden Zielen der Terroristen sympathisieren. Amrozi könnte für sie der erste "Märtyrer" des Antiterrorfeldzugs in Südostasien werden.

Dieser Feldzug lässt sich nicht mit polizeistaatlichen Mitteln allein gewinnen. Der Kampf gegen den Extremismus muss auch in Moscheen und Koranschulen geführt werden - sagen auch die Regierungen und liberalen Muslimführer in der Region. Ein Amrozi, der den Rest seines Lebens in Haft verbringt, wäre wohl abschreckend genug für seine potenziellen Nachfolger.(DER STANDARD, Printausgabe, 8.8.2003)

Share if you care.