Passanten an der Demel-Küste

10. August 2003, 20:53
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Die 85. Unglaubwürdige Reise - zugleich die letzte vor einem Monat Hitzeferien

Es ist das Desinteresse, verpackt in die Schnelligkeit. Jeder schaut vorbei." (Georges Simenon). So sitzt man beim Demel in der Hitze gut, liest über den Beginn von Verbrechen, während Passanten vorbeiziehen, die davon, dass sie Opfer sind, noch gar nichts wissen. Oder, wenn sie es wissen, sich unauffällig unter eine der von Kardinal Schönborn ununterbrochen inszenierten Prozessionen mischen möchten.

Mit "möchten" beginnen beim Demel die Fragen. Die Freiwilligkeit bleibt im Rahmen. Auch die Wahl: "Feinstes Briochekipferl oder flaumiger Guglhupf" zum "Demel Frühstück". Oder "zwei Kaisersemmerln sowie ein weiches Ei" zum "Wiener Frühstück". Und zum "Heißgetränk Ihrer Wahl" gibt es "soft boiled egg, ham and cheese, fresh orange juice (1/8)".

An solchen Angeboten jagen die Passanten vorbei: Verspätete Gruppenreisende, versprengte Prozessionsteilnehmer. Es genügt "der kleine Anstoß, der sie in Bewegung setzt", von dem Simenon schreibt, in Bewegung "bis zum Äußersten ihrer selbst". Die Frage nach der Beschleunigung bleibt offen. Der zu hohe, halbfinstere Einlass zur neuen Hofburg starrt ihnen entgegen, dahinter das heiße Heldenplatzgelände.

"Was noch?", fragt am Nebentisch eine desinteressierte Mutter ihre schläfrige Tochter, nachdem sie mit den Schulnoten durch sind. Vielleicht eine Führung durch die Karlskirche, per Lift in Gottes Nähe?

Die gehetzten Demel-Passanten sind immer bereit zu allem, wo immer sie tätig sein mögen, von wem immer sie schon entlassen wurden. Ihr ratloses Rasen bestimmt die Richtung. Ob sie an nassen Zäunen, in Hochmooren oder im glühenden siebenten Wiener Gemeindebezirk landen: Sie werden nicht herausfinden, um wie viel rascher und zielsicherer sie auch ohne überhöhte Geschwindigkeit in Donner und Blitz hinein und an die Abhänge rauchender Berge geraten könnten.

Reiseveranstalter verpacken ihr Desinteresse an ihren eigenen Katalogen in Geschwindigkeitsangebote für verbilligte, unerträgliche Ziele. Sie versprechen die Erfüllung eines einzigen Wunsches: endlich da gewesen zu sein, wo man ohnehin nicht ist, "bei sich". Aber nicht alle ihre Opfer, selbst die in der heißesten und teuersten Fallgrube, verfluchen sie zu Herbstbeginn.

Die verzweifelte Beschleunigung kommt dann zur Ruhe. Und selbst das Desinteresse nimmt zu Schulbeginn dann glaubwürdigere Formen an.
(DER STANDARD, Printausgabe, 8.8.2003)

Der Hitze wegen wird Ilse Aichinger bis Anfang September keine "unglaubwürdige Reise" mehr angetreten.
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