Gymnastik auf Giselles Grab

7. August 2003, 19:27
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Zwei unterschiedlich ergreifende Soloabende im Volkstheater: Mark Tompkins in "Song and Dance" , Ismael Ivo in "Mapplethorpe"

Zwei unterschiedlich ergreifende Soloabende bei ImPulsTanz im Volkstheater, die sich um Vanitasmotive drehen: Mark Tompkins bekämpft in "Song and Dance" das Pathos mit Ironie, Ismael Ivo lebt es in "Mapplethorpe" aus.


Wien - Die beiden Männer stehen vor ihrem Publikum. Für den einen wie den anderen ist die Bühne ein himmelschwarzer Hades, in dem die Scheinwerfer wie Sterne den Aberwitz der einsamen Existenz ausleuchten. Sie sind postmoderne Danseurs macabres. Eistänzer zwischen den Ufern des Pathos und der Poesie. Viel mehr scheinen der aus den USA stammende Wahlfranzose Mark Tompkins und der afrobrasilianische Wahleuropäer Ismael Ivo nicht gemeinsam zu haben.

Ihre Soli, die knapp hintereinander bei ImPulsTanz im Volkstheater gezeigt wurden, behandeln Vanitasmotive. Den letzten Vorhang, das langsame Vergehen. Tompkins schlüpft in die Rolle eines Tänzers, der nach dem Applaus hinter der Bühne den Abbau der Ballettillusionen begleitet, und Ivo interpretiert seine Fantasien über den allzu frühen Tod des Fotografen Robert Mapplethorpe.

Song and Dance ist ein tanzmonologisches Masterpiece: Tompkins dreht das Theater backstage, schält sich hinter den Kulissen aus seinem Kostüm, aus seinen mit falschen Stoffmuskeln gepolsterten Leggings, spielt singend mit einem Totenkopf, als ob er sich an Bernhard Minettis unnachahmliche Intonation von "Was grinsest du, du hohler Schädel" erinnerte. Tompkins nimmt das ganze Skelett, und er hat Verkehr damit, während einige Techniker die Bühne abbauen. Er macht ein wenig Gymnastik auf Giselles Grab, verwandelt sich von Herzog Albrecht in einen Vamp, steigt auf eine Leiter und singt: "Heaven is a place, where nothing ever happens."

Stück für Stück dekonstruiert Tompkins die von Frans Poelstra meisterhaft inszenierte fiktive Kunstkirche und baut sie als Metaphernwerkstatt sofort wieder auf. Er lauscht sehnsuchtsvollen Liedern von Bob Dylan, Patti Smith, Frank Sinatra. Deren Pathos impft er mit Ironie, bis es zusammenbricht, und er pinselt ein schiefes Lächeln in die morbide Magie des Final Curtain von My Way. Wie nebenher und mit zärtlichem Humor rollt er den theaterdiskursiven und repräsentationsanalytischen Diskursteppich der progressiven Tanzperformance von Jérôme Bel bis Raimund Hoghe auf.

Ismael Ivo setzt eine Etage tiefer an. Seine Hommage Mapplethorpe hängt am Tropf der guten Absicht. Mit viel Einsatz sucht er große Abschiedsgefühle zu orchestrieren. Die berühmten Lilien des legendären Lichtkomponisten, die subtilen Hautsymphonien des provokanten Ästheten und die fetischhafte Zeichensprache des exzessiven Erotikers wirken wie mit Langenscheidt wörtlich übersetzt.

Der Kultkörper des Tänzers spielt mit sich selbst und mit dem politischen Potenzial des Fotografen. Einem Stöckelschuh setzt er die Delikatesse seiner Traumfigur entgegen, und er verschlingt Lilien, die aus seinem Höschen sprießen. Eine hohe Wand fällt in Richtung Publikum, dem der Wind dieses Sturzes um die Ohren saust. So befreit sich Ivo aus seinem Gefängnis. Es wäre aber gut gewesen, wenn er seine kraftvollen Zeichen in ein weniger prätentiöses Gesamtkonzept eingeschrieben hätte.
(DER STANDARD, Printausgabe, 8.8.2003)

Von Helmut Ploebst
  • Das masterpiece "Song and Dance": Mark Tompins schält sich hinter den Kulissen aus seinem Kostüm
    foto: abrahamsen

    Das masterpiece "Song and Dance": Mark Tompins schält sich hinter den Kulissen aus seinem Kostüm

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