Vom unerbittlichen Müssen

7. August 2003, 19:19
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Pianist Maurizio Pollini begeisterte im Großen Festspielhaus

Salzburg - Eine donnernde Kaskade über fünf Oktaven. Drei gewalttätige Schläge auf das Kontra-D. Der letzte Ton ist fast verebbt, da blüht er noch einmal auf und lässt für Sekunden eine Wolke musikalischer Energie über den Tasten stehen: So spielt den letzten Ton in Chopins Prélude Nr. 24 d-Moll nur Pollini.

So strahlend, so klangmalerisch interpretierte Maurizio Pollini die 24 Préludes op. 28 von Chopin, dass die Miniaturen als Bilder menschlicher Seelenzustände zu hören waren: Fast quälend, an Sisyphos erinnernd oder an den verzweifelten Versuch, sich aus einer Verstrickung zu befreien, war das Prélude Nr. 2 a-Moll. Zur komponierten Verheißung der Erlösung wurde das Prélude Nr. 9 E-Dur.

Die gestalterische Kraft des Pianisten kam in den drei Klavierstücken op. 11 und den sechs kleinen Klavierstücken op. 19 von Arnold Schönberg fast noch mehr zum Tragen. Wenn Chopin unter Pollinis Händen zum Gemälde wird, dann wird Schönberg zur Zeichnung. Nur das "Notwendige, das unerbittliche Müssen" hat Schönberg in op. 11 ausdrücken wollen -, und genau so hat Pollini die kurzen Stücke gespielt: unerbittlich, selbst im leisesten Anschlag voll Energie, die in ihrer Zurückhaltung und Disziplin nicht weniger "explosiv" ist.

Weiters spielte Pollini die prägnanten Kleinen Klavierstücke op. 19 (Schönberg) und die opulente Fantasie C-Dur op. 17 (Robert Schumann). Diese scheinbar disparate Werkauswahl wurde durch die Programmdramaturgie, der "kleinen Form" gewidmet, sinnvoll. Pollinis Fähigkeit, der Opulenz mit Disziplin und Askese zu begegnen, machte diesen Abend zum großen Erlebnis. (klaba/DER STANDARD, Printausgabe, 8.8.2003)

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