Massen-Dada für das junge 21. Jahrhundert

18. August 2003, 11:32
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"Flash Mobs" haben zwar weder Sinn noch Absicht, aber sie breiten sich derzeit geradezu epidemisch aus

Der indische Tourist bekam Angst: Seattle, Genua, Davos – und jetzt Wien. Aber warum hatte er von Antiglobalisierungsprotesten in Wien nichts gehört? Denn was, wenn nicht eine Protestaktion gegen die Kaffeehauskette Starbucks könne es sein, wenn sich 70 Jugendliche auf der Kärntnerstraße zwischen Sacher und Starbucks im Kreis bewegen – um wie auf Kommando zu Boden zu gehen, um „Nein, nein, nein“ zu rufen? Und keine Polizei.

Der Spuk war vorbei

Doch bevor der Tourist Mittwochnachmittag flüchten konnte, war der Spuk wieder vorbei: Die Jugendlichen zerstreuten sich in alle Winde – und kein Passant wusste, was da passiert war. Immerhin: Am Boden war ein Flugblatt vergessen worden: "Flash Mob #4" stand da.

Militärisch geplante Kurzaktionen

"Flash Mobs" sind fast militärisch präzise geplante Kurzaktionen im öffentlichen Raum. Nur ohne Ziele: „Flash Mobs“ sind nanoaktionistische Versammlungen. Ohne Grund. Ohne Absicht. Ohne Urheber. „Flash Mobs“ sind. Das genügt. „Erfunden“ wurden die spontanen Nonsens-Happenings diesen Juni: In New York überfüllten junge Menschen eine Boutique – und verschwanden. Organisiert von einem, der sich Bill nennt. Mehr braucht man gar nicht zu wissen – so lange man E-Mail hat. Und einen Tipp bekommen hat.

Globaler Trend

Innerhalb weniger Wochen schwappten die „Flash Mobs“ über die ganze Welt – und sind längst vom Insiderspaß zum Massentrend geworden. Doch während Eltern noch fragen „Flash was?“, ist das Ding für viele Kids der Internetgeneration schon wieder passé: Wenn Ort und Zeit nicht mehr „geheim“, sondern über Radio kommen, könne man ja gleich mit Sponsorplakaten auffahren. Denn wer hindere Burger- oder Leiberl-Ketten, sich per „Flash Mob“ in Erinnerung zu rufen? Für die meisten geht es aber nur um den Spaß am sinnlosen Gruppenerlebnis. Etwa vor dem Stephansdom mit 100 anderen eine halbe Minute so tun, als fahre man mit dem Auto im Kreis.

"Dadaismus im 21. Jahrhundert"

Das sei, sagte eine Kunststudentin vor dem Sacher, „Dadaismus des 21. Jahrhunderts“. Und auch dieser hat einen geistigen Vater. Den US-Autor Howard Rheingold, der in „Smart Mobs“ soziale Bewegungen beschrieben hat, die nur per Internet und mobile Technologien kommunizieren. Rheingold weist diesen Bewegungen politische Relevanz zu: So sei der philippinische Präsident Joseph Estrada 2001 nach friedlichen Demonstrationen zurückgetreten, die nur via Internet und SMS organisiert waren.

Auch in Wien

Und auch in Wien gab es schon Derartiges: Die Donnerstagsdemonstrationen gegen Schwarz-Blau I wären ohne SMS- und Mailketten auch unvorstellbar gewesen. Dem Touristen beim Sacher hat das freilich niemand erklärt – seine Kinder fanden es aber trotzdem sehr lustig.(Andreas Grünewald/ Thomas Rottenberg/DER STANDARD, Printausgabe vom 8.8.2003)

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