Kabine mit Aussicht

Redaktion, 28. Juni 2005, 12:09
  • Die Norwegian Dawn auf dem Weg Richtung Karibik
    ncl

    Die Norwegian Dawn auf dem Weg Richtung Karibik

Mit Omi und Opi auf Reisen? Von wegen. Die Kreuzfahrten der neuen Generation bieten für alle etwas - und boomen in einem von Krisen geschüttelten Markt. Eine Woche Karibik-Clubbing auf der Norwegian Dawn

Die Party ist bereits im vollen Gange. Auch wenn das Schiff noch kaum ausgelaufen ist. Auf Deck zwölf, dort, wo sich normalerweise die Sonnenhungrigen rund um den Pool in die Horizontale schmeißen, rockt die Combo: "Folks, es ist großartig, euch heute an Bord zu haben", brüllt der Ober-Animator ins Mikrofon. Backbord zieht in Zeitlupe die Skyline Manhattans vorbei, steuerbord grüßt die Freiheitsstatue.

Sieben Tage Florida und Bahamas liegen vor den gerade an Bord gegangenen Gästen, doch nun gibt es auf der Norwegian Dawn erst einmal Würstchen und Begrüßungscocktails. Gemeinsam führen die Animatoren eine Polonaise über das Sonnendeck, vorbei an jenen, die noch einen letzten Blick auf New York City erhaschen wollen, bevor das riesige Kreuzfahrtschiff das offene Meer erreicht. Dann werden auch sie sich ins Getümmel stürzen.

Über 2400 Passagiere sind an diesem Sonntag wieder an Bord des nigelnagelneuen Kreuzers gegangen, nachdem die Urlauber der vergangenen Woche im Hafen von Manhattan abgesetzt worden waren. Ein Schichtwechsel, für den man gerade einmal sechs Stunden zur Verfügung hat. Dann muss auf dem Schiff wieder die gleiche gute Stimmung herrschen wie die Sonntage zuvor: Karibik-Stimmung eben.

"Ich bin hier, um eine Woche lang Spaß zu haben", schreit einer der vielen jungen Sailaway-Celebration-Gäste in das Mikro des Ober-Animators, die Philippinen-Combo spielt einen Tusch, das Sonnendeck applaudiert, und man zweifelt keinen Augenblick daran, dass der Mann in den Bermudashorts auf seine Rechnung kommen wird. Und der Rest der Gäste wohl auch.

Schließlich ist die Norwegian Dawn ein Kreuzfahrtschiff der besonderen Art: Sie ist ein monströser schwimmender Ferienklub. Eine Art bunt glitzernder Freizeitpark auf See. Samt Kasino und Joggingparcours. Zwänge gibt es anderswo.

Auf jenen Schiffen etwa, auf denen Millionäre geangelt werden und das Durchschnittsalter so um die sechzig liegt. Auf der Norwegian Dawn liegt es 15 Jahre darunter, auf ihren 14 Passagierdecks geht die amerikanische Middleclass spazieren, und auch ansonsten ist hier einiges anders: Stellt man einen der bordeigenen Fernsehkanäle ein - auf denen man übrigens mittels Videoaufzeichnung immer über das informiert wird, was man auf dem Schiff gerade versäumt hat (auch Tage später flimmert über Kanal sieben noch die Polonaise der Begrüßungsparty ) -, erklärt eine freundliche Dame das Prinzip: Essen Sie, wann und wie viel Sie wollen. Essen Sie in jenem der zehn Restaurants, auf das Sie gerade Lust haben. Kleiden Sie sich in den Restaurants, wie Sie möchten (aber bitte nicht in Tank-Tops oder in Jeans!). Praktischerweise hält auch das Gym seine Tore 24 Stunden geöffnet.

Bei amerikanischen Kunden, der fast ausschließlichen Klientel der Norwegian Dawn, kommt solcherlei Lockerung klassischer Kreuzfahrtregeln an: Auch diese Woche ist das Schiff wieder komplett ausgebucht, viele der Passagiere werden am Ende der Woche bereits für 2004 ihre Kajüte buchen.

Anderntags auf dem Weg nach Cape Canaveral (Disneyworld, Space Center!), einem Tag auf See, wird man Mühe haben, auf dem 294 Meter langen Schiff überhaupt ein ruhiges Plätzchen zu finden. Kunstauktionen, Bingo-Turniere, Weinverkostungen, Sushi-Kurse und Diamantenseminare: Geboten wird für alle etwas.

"Wo geht es denn hier zum venezianischen Restaurant?", fragt einen später eines der deutschen Ehepaare, die sich auf das Schiff verirrt haben: "Die Dawn ist so groß, wir kennen uns noch immer nicht aus." Deck sechs? Da gelangt man doch über Deck sieben hin. Oder war es Deck fünf? "Und wohin müssen wir jetzt gehen?" Die beiden kommen aus Bremerhaven, dort, wo die Dawn bis vor kurzem in der Werfthalle lag. "Wir waren vor einem halben Jahr beim Stapellauf dabei, ein tolles Schiff, jetzt wollen wir sehen, wie es sich auf See macht."

Der Mann ist ehemaliger Seefahrer, der die Schiffsdaten der Dawn herunterbetet wie andere Menschen Rosenkränze: 90.000 Bruttoregistertonnen, 7,8 Meter Tiefgang, über 1000 Mann Besatzung, darunter 132 Köche. "Harry, komm schon", unterbricht ihn seine Frau, "das interessiert den Herrn nicht. Wir müssen ins Venetian Restaurant zum formellen Abend."

Im größten Restaurant des Schiffes, einer Las-Vegas-kompatiblen Version eines venezianischen 16.-Jahrhundert-Salons, trägt man an diesem Abend Anzug und Abendkleid. Ergattert man einen Platz ganz hinten am Fenster, blickt man direkt auf das von den Turbinen zerwühlte Meer.

Alle Tische sind besetzt. "Lässt man den Gästen die Freiheit, dann lieben sie es, sich in Schale zu werfen", sagt der österreichische Schiffsdirektor Klaus, ein Sonnyboy mit Wohnsitz Florida. Nicht blicken lässt sich dagegen der Kapitän. Der lässt sich nämlich fotografieren. Und das schon seit Stunden. Vor einer Leinwand mit dem berühmten Treppenmotiv aus dem Titanic-Film reihen sich die herausgeputzten Paare, die sich gemeinsam mit dem - selbstredend Vollbart tragenden - Kapitän aus Norwegen ablichten lassen.

"Amerikaner lieben Fotos mit dem Kapitän", erklärt Klaus, der jedem sofort das Du-Wort anbietet. Kapitän Hoydal erträgt die Prozedur mit lächelndem Gleichmut. Er ist schon viele Jahre auf Kreuzfahrtsschiffen unterwegs.

Auch im Kreuzfahrtgeschäft hat sich allerdings in den vergangenen Jahren einiges getan. Der Markt boomt, vor allem jener der Klubschiffe, und er fordert dabei immer mehr: "Ausschlaggebend ist das Schiff, weniger die Destinationen", sagt Klaus. Die Landausflüge machen beileibe nicht alle mit. Während sich Tage später die Massen aus dem Schiff zwängen und über Miami Beach oder die kleine Altstadt von Nassau, die Hauptstadt der Bahamas, ergießen, genießen nicht wenige die Ruhe auf Deck. Oder schlafen ihren Kater aus.

Abende auf der Norwegian Dawn können nämlich anstrengend sein. Essen wir heute Französisch (im Restaurant mit den echten Ölschinken von Van Gogh, Monet, Matisse und Renoir) oder Asiatisch? Gehen wir ins Musical oder schauen wir uns das Konzert von Laura Branigan an? Gehen wir erst zum Karaoke und dann in die Disco? Oder umgekehrt? Es sind Fragen wie diese, die ehemals als Schnarchwochen verschriene Schiffsreisen mittlerweile zu einer Herausforderung machen. Erholung ist sowieso relativ - und wird von vielen Passagieren nicht wirklich als Urlaubsziel angegeben.

Am vorletzten Tag der Reise ankert die Dawn vor ihrem privaten Eiland: auf dem Great Stirrup Cay inmitten der Bahamas, einer unbewohnten Privatinsel im Besitz von NCL, der Reederei, zu der die Dawn gehört. Betritt man die Insel, ist die Party bereits in vollem Gange. Doch daran hat man sich mittlerweile gewöhnt. Trommelmusik und ein riesiges Barbecue. Die Schwimmer tragen Rettungswesten, das Schnorchelset gibt es um 20 Dollar Leihgebühr. Im Nu hat sich die Tropeninsel in ein Rimini der Karibik verwandelt. "Folks, geht es euch gut?", brüllt der Ober-Animator über die Insel. Viele nicken. Manch einer lässt es allerdings auch bleiben und nippt am Drink, der einem gerade gebracht wird. (Der Standard/rondo/8/8/2003)

Die Norwegian Dawn sticht jeweils sonntags (ausgenommen einige Wochen im Winter) von New York Richtung Florida und Bahamas in See. Infos bei NCL Deutschland, Friedensstraße 9, 60311 Frankfurt/M, Tel. 0049 / 69 / 2429900, per E-Mail info@ncl.de oder im Internet unter www.ncl.de. Kreuzfahrten ab 739 Euro in der Innenkabine, mit Fluganbindung ab 1569 Euro. Continental Airlines fliegen täglich von Frankfurt nach New York.

Von Stephan Hilpold
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