"Kontroversieller geworden als 'Nordrand'"

12. August 2003, 13:40
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Die österreichische Regisseurin Barbara Albert über ihren Wettbewerbsfilm "Böse Zellen"

Wien - In Locarno feiert "Böse Zellen", der nach "Nordrand" mit Spannung erwartete zweite Langspielfilm von Barbara Albert, beim Filmfestival in Locarno seine Uraufführung. Nach einer Pressevorführung am Samstag, 9.8., feiert der Streifen am Sonntag Nachmittag seine Uraufführung vor Publikum. "Ich bin irrsinnig gespannt auf die Reaktionen", meint sie im Gespräch mit der APA, "ich glaube, es ist kontroversieller geworden als 'Nordrand'".

"Einerseits ist man natürlich gelassener", vergleicht die 1970 geborene Wienerin die heutige Situation mit ihrem ersten Antreten in Locarno 1996, als sie mit dem Kurzfilm "Die Frucht deines Leibes" einen "Leoparden von morgen" gewann, "andererseits ist man immer gespannt, wie die Leute reagieren. Zweifel hat man grundsätzlich immer. Außerdem werden die Filme immer größer, und man verbringt immer mehr Zeit mit ihnen." Dreieinhalb Jahre hat sie an "Böse Zellen" gearbeitet, dessen Drehbuch sie bald nach "Nordrand" begonnen hat.

"Böse Zellen" behandelt Themen wie Tod, Verlust, Einsamkeit, Ängste, Abhängigkeiten und Sehnsüchte. "Wir haben ohnedies zu viele 'Happy-Filme'", meint die Regisseurin, die in dem Streifen ein Beziehungsnetz zwischen vielen verschiedenen Figuren spannt: "Es gibt keine Hauptfigur, viele Vertreter unterschiedlicher Generationen, vom fünfjährigen Mädchen bis zur 60-jährigen Frau, sind gleichberechtigt." Was zwischen den Personen (u.a. spielen Kathrin Resetarits, Ursula Strauss, Georg Friedrich und Marion Mitterhammer) passiere, habe zwar "einerseits einen starken Realismus", andererseits "schwebt irgendetwas über allem": "Ich wollte auch etwas Unheimliches machen. Es ist nicht alles erklärbar."

Barbara Albert warnt jedoch davor, den Streifen, der im Herbst in die österreichischen Kinos kommen soll, als "Geisterfilm" abzustempeln: "Es ist der Versuch, verschiedene Genres zu mischen." Bei der Film-Bewerbung komme es weniger auf den Inhalt als auf die Vermittlung eines Gefühls an: "Es geht weniger darum, was erzählt wird, als wie etwas erzählt wird, welche Haltung dahinter steckt. Es ist tragisch, wenn heute Filme immer mehr nur auf den Plot reduziert werden. Es passiert zwar sehr viel in diesem Film - Unglücksfälle, aber auch Momente des Glücks -, es geht aber sehr stark um die Atmosphäre."

Sich beim Filmemachen allzu sehr von kommerziellen Überlegungen leiten zu lassen, hält die Regisseurin für den falschen Weg: "Natürlich kann man Filme auch machen, indem man sich bestimmter Zutaten wie Stars, Action oder Spannung bedient. Ich hab einen anderen Ansatz: Ich schreibe aus mir heraus. Ich glaube auch, dass das der Grund war, warum der österreichische Film in den vergangenen Jahren so erfolgreich war: Weil wir unabhängig arbeiten konnten. Viele junge deutsche Filmer schauen mit Neid auf Österreich. In Deutschland hat man sich viel zu stark von den Fernsehredakteuren abhängig gemacht. Da kommen dann viele mittelmäßige und mutlose Sachen heraus."

Die Förderungssituation ist jedoch auch in Österreich prekärer geworden. Bei "Nordrand", mit dem hierzu Lande immerhin 60.000 Zuschauer erreicht wurden, habe sie "irrsinniges Glück" gehabt: "Heute würde ein Erstlingsfilm nie so viel Budget bekommen. Das ist ein Drama." Den neuen Fernsehfilmförderungsfonds findet Albert "grundsätzlich gut", bei der geplanten Umstrukturierung des Österreichischen Filminstituts (ÖFI) müsse man "sehr aufpassen", und zur künftigen Positionierung der "Diagonale" wäre es wichtig, in der Filmszene eine gemeinsame Haltung zu entwickeln: "Wir müssen dabei an einem Strang ziehen und ein Zeichen setzen."

Ein Zeichen gesetzt hat Albert auch bei "Böse Zellen": Erstmals ist sie bei diesem Zwei Miillionen-Euro-Film im Rahmen der Produktionsfirma coop99 auch als ihre eigene Produzentin tätig. "Das gibt mir ein größeres Gefühl der Selbstverantwortlichkeit. Ich mache meine Kompromisse gerne mit mir selber." (APA)

  • "Böse Zellen" Szenenfoto
    foto: festival locarno

    "Böse Zellen" Szenenfoto

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