Matrix Real

15. August 2003, 11:59
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Das nächste Überwachungsnetz für Terroristen, potentielle Terroristen und Normalbürger geht in den USA an den Start

Die Vereinigten Staaten von Amerika - Land der unbegrenzten Möglichkeiten und Wiege neuester Technologien, zumindest was Überwachungssysteme und die überwachenden Behörden seit dem 11. September betrifft, melden sich mit einer neuen Erfindung zu Wort. Ein Überwachungssystem, das schneller, besser, effizienter und im Kampf gegen den Terrorismus wahre Wunder vollbringen soll, wurde nun vorgestellt, der Name des Systems: MATRIX.

Alles pure Realität

Knapp drei Wochen nach dem Ende des "Terrorist Information Awareness"-Programms, kommt nun die Meldung aus Florida, dass sich dort ein neues Überwachungssystem bereits im Einsatz befindet. Dieses Wunderwerk der Technik soll laut "Washington Post" Milliarden von Datensätzen enthalten. Diese Daten werden aus den Beständen der Polizeibehörden und kommerziell erhältlichen Informationen über Einzelpersonen "zusammengemischt".

Die Ermittler sollen so Muster und Verbindungen zwischen Personen und Ereignissen schneller finden und detaillierte Angaben erhalten. Jeder amerikanische Erwachsene wird sich - früher oder später - in dieser Kartei finden lassen. Ein Beispiel nennt die "Washington Post" auch: Dank des neuen Überwachungssystems könnten die Polizeibehörden im Falle des Falles in Sekundenbruchteilen erfahren, welcher braunhaarige Mann in einem Umkreis von 30 Kilometern rund um den Tatort einen roten Ford Pickup fährt. Dies alles ermöglicht die "Matrix", kurz für "Multistate Anti-Terrorism Information Exchange".

"Multistate Anti-Terrorism Information Exchange"

Matrix (Multistate Anti-Terrorism Information Exchange) wurde von der Firma Seisint in Boca Raton, Florida entwickelt. Ein interessanter Aspekt an Matrix ist, dass das Projekt nicht auf Initiative von US-Behörden, sondern auf die eines Unternehmers zurückgeht - sein Name Hank Asher. Asher, seines Zeichens Gründer von Seisint, schien die Zeichen der Zeit nach dem 11.September rechtzeitig erkannt zu haben und bot der Polizei in Floria an, ein System zur Terrorbekämpfung zu installieren - und dies völlig umsonst. Die Datenbank in Matrix wurde mit einer Suchmaschine namens "Who" ausgestattet, die im Zentrum des Projekts stehen sollte. Nach Angaben der Hersteller sei das System vollkommen harmlos, da nur Daten benutzt werden, die sowieso vorhanden und verfügbar seien.

Weitere Bundesstaaten sollen folgen

Nachdem Florida das kostenlose Angebot nicht ausschlagen wollte und sich das System mittlerweile zu etabliert haben scheint, meldeten auch andere US-Bundesstaaten ihr Interesse an. Wie der Name "Multistate Anti-Terrorism Information Exchange" schon sagt, soll das System in Zukunft in mehreren Bundesstaaten - am besten natürlich in allen - zum Einsatz kommen. Nach Florida werden insgesamt 16 Bundesstaaten (Alabama, Connecticut, Florida, Georgia, Kentucky, Louisiana, Maryland, Michigan, New York, Ohio, Oregon, Pennsylvania, South Carolina, Utah, Virginia und Washington D.C) das System einsetzen.

Mehr Geld

Mittlerweile muss sich Asher keine Geldsorgen mehr machen und auch das "kostenlos" ist nicht mehr notwendig. Das Justizministerium von Florida hat für das Matrix-Programm weitere vier Millionen Dollar genehmigt, um eine landesweite Erweiterung zu ermöglichen. Das Heimatschutzministerium wird laut US-Medienberichten weitere 8 Millionen investieren. Matrix wird in Florida seit rund einem Jahr genutzt und bislang sollen sich 135 Polizeibehörden angeschlossen haben.

Hank Asher - der große (Un-)Bekannte

Hank Asher ist allerdings kein unbeschriebenes Blatt in der US-Behördenlandschaft. Asher hatte jahrelang für die US-Drogenbehörde DEA gearbeitet und als Informant gearbeitet - bis 1999 da wurde Asher von einem Zeugen als Drogenschmuggler identifiziert. Allerdings gab es weder eine Anklage noch eine Verhaftung. Seit 1993 arbeitet Asher zusammen mit dem Florida Department of Law Enforcement (FDLE) auch nach der Drogenaffäre. Seine neue Firma Seisint erhielt zwei staatliche Aufträge in Florida, die aber niemals ausgeschrieben wurden. Laut US-Medienberichten ist Asher mit dem ehemaligen Direktor des FDLE, James T. Moore, dieser wurde gerade erst pensioniert, eng befreundet. Der neue Direktor hat inzwischen eine Hintergrundüberprüfung von Asher und dessen Firmen angeordnet. Asher soll auch für andere Behörden wie etwa das FBI oder dem Secret Service kostenlos gearbeitet haben.

Bürgerechtsgruppen besorgt

Die US-Bürgerrechtsgruppen haben bereits ihre Kritik an dem neuen System und der landesweiten Einführung geäußert. Sie befürchten den vollkommen gläsernen Bürger. Fraglich ist auch ob Kreditkarteninformationen und Krankendaten in Matrix ihren Niederschlag finden werden. Ein besonders schwerwiegendes Problem wären etwaige Missbräuche durch Unbefugte, die dann Daten über jeden einzelnen Bürger in Händen halten würden, so die Bürgerechtler.

Nun zu etwas ganz Anderem

Kennen Sie die zwei netten Damen des schwedischen Möbelkonzern IKEA, die nur damit beschäftigt sind aus Atlanten und lexikalischen Werken rund um und über Schweden die zukünftigen Namen für Möbelstücke herauszufinden. Es gab schon ein paar nette Fernsehberichte über diese Damen und die Geheimnisse der IKEA-Namensgebung. Aber dies würde zu weit weg vom Thema führen.

Gestatten - Chief Executive Manager of Advanced Name-Design

Ich möchte die Männer kennenlernen, die in den USA die Namen für die Überwachungssysteme erfinden. Da war doch vor kurzem erst eine Episode mit einem Projekt namens "Total Awareness Information", um sich nicht den Zorn der US-Bürgerrechtler einzuhandeln, wurde es kurzerhand in "Terrorist Information Awareness" umgetauft, um dann endgültig zu sterben (der WebStandard berichtete). Aber dann kurze Zeit später wieder als "light-Version" "auf den Markt zu kommen. Schöpfer dieser Programme war die Defense Advanced Research Projects Agency (DARPA), die auch das "Combat Zones That See"-System - ebenfalls unter heftiger Kritik - erdachte. Ein weiterer "Meilenstein" der Überwachungssystemnamensgebung ist sicherlich "Carnivore". Wer ein System, das angeblich nur nutzt und nicht schadet und alle beschützt und niemanden ausspioniert, "Fleischwolf" nennt, darf über so manche Verwunderung der Kritiker nicht erstaunt sein.

Wer nennt ein Überwachungssystem Matrix?

Nun kommen wir wieder zurück zum Ausgangspunkt: Sitzt in der DARPA ein Mann, der eine Visitenkarte vorlegen kann auf der steht "Chief Executive Manager of Advanced Name-Design"? Ist dieser Mann auf die glorreiche Idee gekommen ein Überwachungssystem mit dem Namen "Matrix" zu schaffen? Könnte es sein, dass dieser Mann ein Zyniker ist? Oder hat er die Kinofilme falsch interpretiert und hält Keanu Reeves für den Bösewicht? Leider habe ich keine Ahnung - aber ich würde ihn gerne zu einem Interview bitten.(grex)

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