Von Linda Reiter
Plastilin & Gelatin

7. August 2003, 18:45
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Aufwühlende Post von Frau Vera.
Sie schreibt: Geschätzte Frau Reiter, da Sie offenbar eine typische Salzburgerin sind, interessiert mich Ihre Meinung zu der Erregung des Sommers, dem vor dem Festspielhaus kurzfristig aufgestellten Denkmal der Gruppe Gelatin.

Liebe Frau Vera, mein Anwalt meint zwar, dass das nicht klagbar ist, aber bitte behaupten Sie nie, nie wieder, dass ich eine typische Salzburgerin bin. Hat Thomas Bernhard wirklich umsonst gelitten? Was "Erregungen des Sommers" betrifft, haben wir beide offenbar sehr unterschiedliche Geschmäcker. Das war mit dem Rupertinum eigens so abgesprochen, dass die ihren bösen Buben aufstellen und abbauen, während ich auf Urlaub in Italien bin. Es gibt nämlich drei Themen, über die ich nur im Beisein meines Hausarztes reden kann: mit meinem Sohn über sein Studium. Mit meinem Freund über dessen Mutter. Und mit Salzburgern über die "Freiheit der Kunst". Außerdem habe ich Plastilin schon im Kindesalter als recht billige Materie empfunden. Nach dem Kneten und Plattwalzen fühlten sich meine Hände auf schmierige Weise sauber an.

Ähnlich dürfte es soeben der Salzburger Moralgesellschaft ergangen sein. Das Wort in Ihrem Schreiben, über das ich gestolpert und gestürzt bin, heißt "sexistisch". Verzeihung, ich kann es nicht mehr hören! Es ist so, als würden wir jedes Mal, wenn wir Wasser trinken, sagen: "Das ist Wasser!" Und dann trinken wir einmal Milch, und was sagen wir? - "Das ist Wasser! Unter "sexistisch" liest man im Duden: "Personen (bes. Frauen) auf Grund ihres Geschlechts benachteiligend oder herabsetzend".

Wurden männliche Beschauer in ihrem Geschlecht herabgesetzt, weil da ein stattliches Glied in die Höhe ragte? - Oder, Frau Vera, fühlten Sie sich als Frau durch das Denkmal schlecht behandelt? Ich meine: Jeder dritte Ausspruch an einem Wirtshausstammtisch ist sexistischer als ein nackter Schiffer aus Plastilin.
Freundlichst, Linda Reiter
(DER STANDARD, rondo/8/8/2003)

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