Anglikanischer Kirchenfamilie droht nach Bischofswahl Spaltung

6. August 2003, 20:26
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Liberale US-Episkopalkirche hat ersten bekennenden homosexuellen Bischof

Minneapolis - Die zur anglikanischen Weltgemeinschaft gehörende Episkopalkirche der USA, die in den vergangenen dreißig Jahren ein Drittel ihrer Mitglieder verlor, hat einen bekennenden Homosexuellen zum Bischof gewählt. Durch diese Entscheidung droht der anglikanischen Kirchenfamilie mit weltweit 77 Millionen Gläubigen die Spaltung.

Wahl mit "bedeutendem Einfluss"

Der Primas der anglikanischen Kirche, der Erzbischof von Canterbury, Rowan Williams, erklärte in einer ersten Reaktion, die Wahl von Gene Robinson zum Bischof des US-Saates New Hampshire werde "unweigerlich einen bedeutenden Einfluss auf die anglikanische Kirche auf der ganzen Welt haben, und noch kann niemand sagen, was das Ergebnis sein wird". Er hoffe, dass die Episkopalkirche Gelegenheit haben werde, "die Enwicklung zu bedenken", bevor "unwiderrufliche Entscheidungen getroffen werden", sagte Williams.

24 konservative Bischöfe hatten für den Fall von Robinsons Wahl mit Abspaltung gedroht. Das Oberhaupt der anglikanischen Glaubensgemeinschaft von West-Malaysia, Bischof Lim Cheng Ean, bezeichnete Robinsons Bestätigung als unvereinbar mit der Heiligen Schrift und als "kulturell inakzeptabel". In diesem Sinne äußerte sich auch die anglikanische Kirche in Indien. Der als liberal geltende Bischof der anglikanischen Kirche Australiens, Peter Carnley, hingegen wies Befürchtungen zurück, Robinsons Bischofswahl könne die Glaubensgemeinschaft spalten.

Robinson vom Vorwurf des groben Fehlverhaltens reingewaschen

Die Generalsynode der Episkopalkirche in den USA bestätigte Robinson am Dienstagabend in Minneapolis mit 62 zu 45 Stimmen. Zuvor war Robinson, der sich von seiner Familie getrennt hatte, um mit einem Mann zusammen zu leben, bei einer kircheninternen Untersuchung vom Vorwurf des groben Fehlverhaltens reingewaschen worden. Der 56-Jährige war mit einer Internet-Seite für homosexuelle Jugendliche in Verbindung gebracht worden, auf der ein Link zu pornografischen Darstellungen enthalten sein soll. Zudem wurde Robinson bezichtigt, einen Mann unsittlich berührt zu haben. Der Leiter der Ermittlungskommission, der Bischof von Massachusetts, Gordon Scruton, bezeichnete diese Anschuldigungen jedoch als gegenstandslos. Die amerikanische Episkopalkirche hat 2,3 Millionen Mitglieder und ist in den einflussreichen Gesellschaftsschichten stark verankert.

Unmittelbar nach Bekanntgabe des Abstimmungsergebnisses protestierte eine Gruppe von 19 konservativen Bischöfen gegen Robinsons Bestätigung. Sie zeigten sich "tief besorgt" und erklärten, die Episkopalkirche habe sich "vom historischen Glauben und vom Auftrag der christlichen Kirche" entfernt. In einer vom Pittsburgher Bischof Robert Duncan verlesenen Erklärung forderten sie den Erzbischof von Canterbury zur Intervention auf "in dem seelsorgerischen Notfall, der über uns gekommen ist". Die anglikanische Weltgemeinschaft ist der Zusammenschluss von 38 weitgehend unabhängigen Teilkirchen. Die gleichgeschlechtliche Ehe hatte die Synode der Episkopalkirche mit knapper Mehrheit verworfen. 1989 weihte die Episkopalkirche als erste anglikanische Kirche eine Frau zum Bischof.

Robinson für "Versöhnung"

Robinson kündigte an, sich für eine Versöhnung einzusetzen. "Ich bin stolz in einer Kirche zu sein, die daran arbeitet, ein sicherer Platz für alle Kinder Gottes zu sein", sagte er. Die Episkopalkirche habe sich vom historischen christlichen Glauben verabschiedet und die anglikanische Gemeinschaft "zerschmettert", erklärte der Amerikanisch-Anglikanische Rat. (APA/AP/Reuters/AFP)

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