Der Häuptling und die vielen Indianer

6. August 2003, 20:09
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Rapid, Tabellenerster, besucht heute Sturm Graz, Tabellenachter - Hannes Kartnig hat schon aufgewecktere Phasen durchlebt, die Zeiten sind eben bitterer geworden - Immerhin kann der Präsident ab und zu in Erinnerungen schwelgen

Graz/Wien - Hannes Kartnig ist schmähstader geworden, was wiederum kein Nachteil sein muss. Das hängt von der Qualität der Witze ab, es gibt nämlich auch solche, deren Wiedergabe nicht empfehlenswert ist, und der Sturm-Präsident neigt halt zu Gratwanderungen. Weshalb solle er schreien, poltern, schimpfen oder lustig sein, fragt sich Kartnig momentan selbst. Die Antwort hat mit der Hitze nur am Rande zu tun. "Man wird älter und unaufgeregter. Was hat man schon von einem Herzinfarkt? Ich bin nicht angeschlagen, weil wir unten stehen."

Kritik an Verpflichtungen

Ein bisserl gewatscht wurde er vor allem in der Steiermark, etwa von der Kleinen Zeitung, die ihm empfahl, sich bei der U-60-EM nach neuen Spielern umzusehen. Dabei hatte Kartnig lediglich den 36-jährigen Libero Silvestre verpflichtet. "Es gibt halt keine jugendlichen Abwehrchefs. " Zudem kooperiere die Kleine Zeitung eng mit dem GAK, diese Partnerschaft sei sicher nicht mit jener von Sturm und der Kronen Zeitung zu vergleichen. "Bei uns ist das nur eine Werbepartnerschaft." Sturm bleibe der populärere Klub, "auch wenn der GAK momentan besser ist. Das kann passieren. Aber er hat trotzdem keine größere Zukunft."

Wehmut

Kartnig ist nicht frei von Wehmut, ja ja die Champions League, und sogar Gruppensieger ist Sturm dort gewesen. "Man muss sich damit abfinden, dass des vorbei ist. Man kann nix erzwingen. Die erste Million hast du schnell verdient, die zweite ist das Problem." Der Präsident gesteht Fehler ein, "wir haben zu viele Spieler mit zu vielen Mängeln. Es muss alles billiger werden. Es geht ans Geld."

Der neue Trainer Gilbert Gress habe nichts zu befürchten, und das ist genau so gemeint. "Schade, dass er nicht früher gekommen ist. Natürlich haben wir vor, junge Spieler einzubauen. Schon der niedrigeren Gagen wegen."

Kartnig hätte nichts dagegen, nach elf Jahren aufzuhören, abgesehen davon ist Frank Stronachs Beteiligung an Sturm immer noch offen. "Man findet keinen, der des macht. Die Leute reißen immer nur den Mund auf." Gemeint ist nicht Stronach.

Einst waren er, Kartnig, Manager Heinz Schilcher und Trainer Ivica Osim ein ziemlich tolles Trio. Osim ist weg und in Japan, Schilcher ist hier, "aber unser Verhältnis hat sich abgekühlt. Der Osim hat zuletzt Fehler gemacht."

Tabellenachter gegen Tabellenführer

Heute besucht Rapid das Schwarzenegger-Stadion, genau genommen kommt Tabellenführer Rapid. Kartnig: "Wir haben keine Angst, ins Tor treffen müssen wir halt." Rapid bangt um die angeschlagenen Steffen Hofmann und Roman Wallner, was wiederum Kartnig herzlich wurscht ist. "Den Hofmann soll man net überbewerten, in unserer Indianerliga gibt es keinen überragenden Fußballer." Rapid ist insofern geladen, als Kartnig über einen ihrer Kicker öffentliche erzählte, dass dieser angetrunken zum Training erschienen ist, was Rapid vermutlich auch ohne Kartnig wusste. "Ich wollte damit ausdrücken, wie unsere jungen Leute punkto Einstellung beisammen sind." Trainer Josef Hickersberger fürchtet Sturm, nicht Kartnig: "Angeschlagene Gegner sind gefährlich."

Häuptling Kartnig bleibt in jedem Fall die Wehmut.
(DER STANDARD, Printausgabe, 7. August 2003, Christian Hackl)

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