Vergessene Dokumente des Grauens

7. August 2003, 18:10
posten

Studenten aus Salzburg sammeln und bearbeiten Erinnerungstexte von KZ-Überlebenden

Linz/Salzburg - Tausende Spanier, Franzosen und Italiener waren im KZ Mauthausen oder in einem der zahlreichen Nebenlager interniert. Studenten der Romanistik an der Universität Salzburg sammeln, dokumentieren und analysieren seit zwei Jahren von den Überlebenden verfasste literarische Zeugnisse des Schreckens.

Die größten Häftlingsgruppen aus Westeuropa wurden aus Italien, Spanien und Frankreich nach Mauthausen oder in eines der Nebenlager deportiert. Nur wenige überlebten diese Hölle. Genau bei diesen wenigen heute noch Lebenden setzt die Pionierarbeit von insgesamt neun Romanistikstudenten der Uni Salzburg an.

"Sagbarkeit des Unsagbaren"

Unter dem Titel "Sagbarkeit des Unsagbaren" und der fachlichen Leitung von Universitätsprofessor Peter Kuon vom Institut für Romanistik sammelt und bearbeitet ein engagiertes Studententeam Berichte von französischen, italienischen und spanischen Überlebenden. Die Idee zu diesem österreichweit einzigartigen Projekt entstand in Seminaren: "Vor nunmehr drei Jahren habe ich bei einem Vortrag die Klassiker der Lagerliteratur - Elie Wiesel, Primo Levi, Rousset, Schwarz-Bart und andere - behandelt. Dabei hat mich eine interessierte Studentin auf eine Vielzahl italienischer Erinnerungstexte im Internet aufmerksam gemacht - dies war die Geburtsstunde für das Projekt", beschreibt Kuon die Entstehungsgeschichte. In weiterer Folge habe man die Arbeit auf französische und spanische Texte ausgeweitet.

Unbekannte Texte

Erste Recherchen im Mauthausen-Archiv des österreichischen Innenministeriums hätten ein eher enttäuschendes Ergebnis gebracht: "Ein kurzer Blick zeigte uns, dass es an jenem Ort, der eigentlich die Erinnerungen an Mauthausen bewahren soll, sehr wenig systematische Erschließung des vorhandenen Materials gab", berichtet Kuon im Gespräch mit dem STANDARD. Seither sei es die Absicht des jungen Forscherteams, diese historische Lücke zu schließen und "das Bild des Lagers, das die Überlebenden nach Kriegsende individuell literarisch verarbeitet haben, zu fassen und zu bewahren", erklärte Kuon.

Im Juni 2002 konnte man nach rund zweijähriger Vorbereitungszeit mit der eigentlichen Bearbeitung der Texte beginnen. Seit diesem Zeitpunkt wird das Projekt auch vom Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF) finanziell unterstützt. Der bis dato erhobene und archivierte Bestand umfasst rund 200 Erinnerungstexte. "Dieser überraschend umfangreiche Textkorpus war bisher weder in der internationalen noch der nationalen Holocaust-Forschung gesichtet, geschweige denn systematisch bearbeitet worden", erläutert Kuon.

Jeder einzelne Student übernimmt einen gewissen Part in der Bearbeitung der Texte - quasi als Abschluss wird jede "literarische Vergangenheitsbewältigung" speziell protokolliert, um mögliche Gemeinsamkeiten zwischen den Berichten herauszufiltern. Rund ein Drittel der gesammelten Dokumente wurde bereits bearbeitet.

Form der Bewältigung

Für Projektleiter Kuon ist sprachwissenschaftlich besonders interessant, dass die gesammelten Berichte "sämtliche literarische Möglichkeiten vom Gedicht über Romane, Theaterstücke, Tatsachenberichte, Erzählungen beinhalten". Ein Großteil ist erst nach Kriegsende - viele meldeten sich erst in den 60er-Jahren zu Wort - entstanden, nur sehr wenige stammen aus der Internierungszeit. "Einerseits wollten viele damit Erlebtes verarbeiten, manche schrieben auch, um gegen das Vergessen im Sinne eines ,Nie wieder' anzukämpfen, andere betrachteten ihre Texte als Hommage an die Millionen Toten", erklärt Kuon.

"Wir wollen diese historisch einzigartigen Dokumente einer breiteren Schicht zugänglich machen", so der Professor, etwa in Buchform als fixen Bestandteil an den einzelnen Erinnerungsstätten zu präsentieren. Konkrete Vorschläge dazu habe man bereits bei den verantwortlichen Stellen beim Innenministerium eingereicht, so Kuon.

Mauthausen bleibt als steinernes Mahnmal Erinnerung an unsagbares Leid, Endstation für rund 100.000 Häftlinge: Juden, Regimekritiker, Randgruppen, so genannte Nichtarier. Zum Gedenken an den 65. Jahrestag der Errichtung des KZ wird auf dem ehemaligen Appellplatz morgen, Freitag, um 20.30 Uhr, das visualisierte Oratorium "The Song of Terezin" aufgeführt. Eintritt frei. (Markus Rohrhofer, DER STANDARD Printausgabe 7.8.2003)

Share if you care.