Triumph der Sparsamkeit

14. August 2003, 12:38
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Richard Wagners "Ring des Nibelungen" im Vergleich: Geerdet in Erl, edler Sozialkitsch in Bayreuth

Allrounder Gustav Kuhn erdet den Ring bei den Festspielen in Erl, Jürgen Flimm lädt bei den Bayreuther Festspielen zum edlen Sozialkitsch


Erl/Bayreuth - Was man in dem idyllisch gelegenen Tiroler Passionsspielort erleben konnte, nämlich erstmals den kompletten Ring des Nibelungen, war der Triumph der Provinz über die Provinz: Erl über Bayreuth. Während Jürgen Flimms vierter Ring-Aufguss nach wie vor nicht sehr überzeugen konnte, erlebte man in Erl vor, auf und hinter Bühne (das Orchester befindet sich auf selbiger) durchaus einige Sternstunden.

Während Flimms Inszenierung aus einer ziemlich abgeschmackten Mischung divergierender Elemente besteht, versucht Dirigent und Regisseur Gustav Kuhn mit sparsamsten Mitteln zweierlei: einerseits die Fabel des Rings zu erzählen und andererseits den Sänger-Darstellern einen großen Spielraum zu bieten.

Kuhn erzählt im Rheingold von den Konflikten unterschiedlicher sozialer Milieus: Wotan und Fricka als aneinander gewöhntes Ehepaar; Fafner und Fasolt als Vereinssportler (Eishockey und Baseball); Donner und Froh als dekadente Golfspieler. Freia ist ein freches Flittchen, dass die "Götter" wohl nicht nur mit Speiseäpfeln versorgt. In diese Welt bricht Alberich ein.

Zunehmend abstrakter die Walküre: Zu Beginn sehen wir in eine biedere Küche mit Essecke, die so ganz zu Hundings (kraftvoll Thomas Hay) eigentlich spießbürgerlichem Charakter zu passen scheint. Vokal: Gertrud Ottenthal überzeugt als Sieglinde, Peter Svensson gibt einen etwas bemühten Siegmund. Eine Entdeckung ist Elena Comotti D'Adda als Brünnhild, stark Martina Tomcic als Fricka. Szenisch gelungen ist der Walkürenritt, bei dem diese auf Fahrrädern hereinkommen und Leichenteile gefallener Helden tragen - hier wird auch der brutale Charakter dieser Wesen betont.

Siegfried ist hingegen der Schwachpunkt des Erler Rings. Weder stimmlich (Alan Woodrow ist ein überforderter Siegfried, Christian Brüggemann ein kaum überzeugender Mime) noch musikalisch (schleppende Tempi, fehlende Dynamik) kann die Aufführung überzeugen.

Furios hingegen wieder die Götterdämmerung: Im edel eingerichteten Saal der Gibichungen führen Gunther, Hagen und Gutrune ein tristes Leben im Luxus. In hohen Schränken stehen Pokale, die als Trinkgefäße für Wein (und Blut) dienen. Hagen (brillant Duccio Dal Monte) ist ein Herr mit offenem Hemd und Silberkettchen, Gunther ein gelangweilter Spießer, Gutrune (wunderbar Gertrud Ottenthal) eine verzweifelte Mittvierzigerin.

Siegfried selber (mit besserem stimmlichem Profil: Alan Woodrow) erscheint als netter Naturbursch, der die Gibichungen-Gemeinde doch sehr irritiert. Der zweite Akt zeigt Hagen mit einem großen Stab, an dessen unterer Seite ein Trinkgefäß, wie es Siegfried trägt, befestigt ist, zudem finden sich Abzeichen an seinem Anzug (ein Verweis auf Hunding), und irgendwo in der Nähe liegt auch noch Wotans Hut herum - Hagen wird so zu einer zentralen, verbindenden Figur.

Siegfrieds Tod gerät hinsichtlich der eigenwilligen Tempi-Vorstellungen Kuhns etwas rasch, während der Schluss der Götterdämmerung durch das Auftreten der Erler Feuerwehr ein wenig zu sehr die Einbindung des Dorfes in die Produktion betont.

Der Bayreuther Ring überzeugt dagegen nur stimmlich: Evelyn Herlitzius als zart-zerbrechliche Brünnhild, Alan Titus als Wotan und Wanderer. Christian Franz als Siegfried mit schauspielerischen Qualitäten und stimmlicher Duftigkeit, Wolfgang Schmidt als Götterdämmerung-Siegfried mit leichten Problemen in der Höhe. Völlig farblos hingegen Peter Klaveness bei seinem Bayreuth-Debüt als Hagen. Eine echte Entdeckung: Eva Scheider als kecker Waldvogel.

Szenisch am stärksten: der erste Siegfried-Akt, in dem vor allem der Mime des Graham Clark durch unglaubliche Komik besticht; am schwächsten wohl der erste Akt der Walküre, den Adam Fischer schleppend dirigiert und bei dem Flimm auf beinahe jedwede Personenregie verzichtet. Kuhn ist zumindest in diesem Jahr eindeutig Punktsieger.
(DER STANDARD, Printausgabe, 7.8.2003)

Von Florian Fuchs
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    'Die Walküre' in Bayreuth

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