Hiroshima-Gedenktag: Bürgermeister kritisiert USA

7. August 2003, 18:53
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Friedensnobelpreisträger Rotblat: Rüstungskontrolle ist tot - "Eklatante Scheinheiligkeit" der USA

Hiroshima gedenkt des 58. Jahrestages des Atombombenabwurfs - TM Bürgermeister kritisiert Politik der USA - Atomwaffensperrvertrag "am Rande des Kollapses"

Hiroshima - 40.000 Menschen haben am Mittwoch in der japanischen Stadt Hiroshima der Opfer des ersten Atombombenabwurfs durch die USA vor 58 Jahren gedacht. Um 08.15 Uhr (Ortszeit), dem Zeitpunkt, als die Amerikaner die Bombe über der westjapanischen Stadt abwarfen, legten die Bürger eine Schweigeminute ein. Ministerpräsident Junichiro Koizumi versprach, die größtmögliche Anstrengung zu unternehmen, um Atomwaffen abzuschaffen. Er forderte andere Länder dazu auf, den Vertrag über einen umfassenden Stopp von Atomversuchen zu ratifizieren.

Der Bürgermeister von Hiroshima, Tadatoshi Akiba, rief US-Präsident George W. Bush, den nordkoreanischen Machthaber Kim Jong Il und die Führer aller anderen Nuklearmächte auf, Hiroshima zu besuchen und dort die Realitäten des Atomkrieges kennen zu lernen. Scharfe Kritik übte er an der Atompolitik der USA. Washington habe den Atomwaffensperrvertrag an den "Rand des Kollapses" geführt, und dies bedeute eine Gefahr für den Weltfrieden, sagte Tadatoshi Akiba. Der Irak-Krieg habe gezeigt, dass die USA die Welt davon überzeugen wollten, dass Krieg Frieden bedeute, sagte Akiba.

Ministerpräsident Koizumi versicherte während der Gedenkstunde, Japan werde an seiner Anti-Atom-Politik festhalten. "Wir werden unser Möglichstes tun, uns für die Verkleinerung von Nuklear-Arsenalen und gegen die Weiterverbreitung von Atomwaffen einzusetzen, um die Welt atomwaffenfrei zu machen", sagte der Regierungschef.

Während der Zeremonie stiegen tausende weiße Tauben in den Himmel auf. Um 08.15 Uhr (Ortszeit) erinnerte das Läuten einer Glocke an die verheerende Explosion am 6. August 1945. Damals hatten die USA zum ersten Mal eine Atombombe eingesetzt. Bei der Explosion wurden etwa 140.000 Menschen sofort getötet, rund 80.000 starben später an den Folgen der radioaktiven Strahlung. Jedes Jahr werden weitere Namen am Gedenkstein in Hiroshima hinzugefügt. In Nagasaki wurden bei dem US-Atombonbenabwurf am 9. August 1945 rund 70.000 Menschen auf der Stelle getötet. Am 15. August kapitulierte Japan. Bis heute leiden Tausende unter den Spätfolgen der nuklearen Verseuchung.

Die US-Regierung bemüht sich derzeit um die Zustimmung des Kongresses zu einem Forschungsprogramm für neue Nuklearwaffen. Es sieht Ausgaben in Höhe von 68 Millionen Dollar vor. Ursprünglich hatten die USA 1992 einen Stopp von Atomtests verkündet. "Die Regierung Bush hat einen neuen Ansatz eingeführt: Rüstungskontrolle ist jetzt tot", konstatiert Friedensnobelpreisträger Joseph Rotblat in einem Beitrag für die "Frankfurter Rundschau" aus Anlass des Hiroshima-Gedenktages. "Die größten Gefahren sind mit der Nuklearwaffendoktrin der Regierung Bush verbunden." Die USA und ihre Verbündeten könnten andere Ländern nicht am Erwerb von Atomwaffen hindern, solange sie selbst daran festhielten. "Die Politik der erweiterten Abschreckung untergräbt die Nichtverbreitungspolitik."

Die offizielle Begründung der USA für den militärischen Angriff auf den Irak - die Beseitigung von Massenvernichtungswaffen - habe sich als vollkommen unhaltbar herausgestellt. Der Einsatz von Atomwaffen sei aber ausdrücklich ein Element der politischen Grundsätze der Bush-Regierung, schreibt Rotblat, der 1995 als Vorsitzender der Pugwash-Bewegung mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde.

Auch in Österreich finden Gedenkveranstaltungen statt. Die Wiener Friedensbewegung wird zusammen mit der Hiroshima-Gruppe Wien der Opfer der US-Atombombenabwürfe mit einer Kundgebung auf dem Stephansplatz und einem Laternenmarsch zur Karlskirche gedenken. (APA/AP/dpa)

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    Farbige Papierlaternen schwimmen am Motoyasu River in Hiroshima. Die symbolisieren die Seelen der Atombombenopfer. Auch auf anderen Flüssen der Region schwimmen mehr als 10.000 Laternen am 58. Hiroshima-Gedenktag.

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