Kommentar: Die Wasserschäden bleiben

8. August 2003, 10:03
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Das Hochwasser hat vieles verändert - aber im Grunde ist es schon vergessen

In vielen Gegenden muss man schon genau hinsehen, um noch Belege für die Zerstörungen des Hochwassers vom letzten August zu entdecken. Ja damals, kurz nachdem das Wasser Gegenden überspült hatte, die seit Jahrzehnten keinen Wasserschaden erlebt hatten, damals waren Bilder willkommen, die die Schä- den belegten. Bilder vom Schlamm im Wohnzimmer, von weggeschwemmten Autos, von zerstörten Geschäftseinrichtungen.

Es hat gerade noch der Modergeruch gefehlt, der den Fernsehbildern noch mehr Authentizität verliehen hätte. Mit den Nahaufnahmen der Wasserschäden ließ sich die Spendenbereitschaft erhöhen.

Und Politik machen. Kanzler Schüssel und Landeshauptmann Pröll "vor Ort" gefilmt - das vermittelte Entschlossenheit. Dass Schüssel angesichts der Not Überlegungen einer Solidaritätsabgabe formulierte, das ließ Führungskraft ahnen. Und das Verständnis dafür wachsen, dass man lieber helfen, als allgemein Steuern senken sollte.

Dieses Macher-Image hat Schüssel dreieinhalb Monate später in einen Wahlsieg ummünzen können, Pröll sieben Monate später. Josef Pühringer, dessen Land ebenfalls betroffen war, wird es da in diesem September ein bisserl schwieriger haben. Denn mit dem zeitlichen Abstand zur Katastrophe haben andere Themen das Bewusstsein besetzt - die geschätzte Milliarde Euro Schäden, die es im Land ob der Enns gegeben hat, ist aber nur noch jenen bewusst, die diese Schäden persönlich erlitten haben.

Das Land hat sofort geholfen, der Bund hat Steuererleichterungen und Sonderförderungen für Unternehmer locker gemacht. Spendengelder sind geflossen und sogar 17,43 Millionen Euro aus dem EU-Katastrophenfonds. Aber natürlich sind damit nicht alle Spätfolgen zu beseitigen.

Diese Erkenntnis dämmert den Geschädigten erst nach und nach. Das ist schwer zu verdauen, nachdem kurz nach der Katastrophe noch mehr Trost als Geld gespendet wurde - das hat spektakuläre Hoffnungen geweckt; etwa die, dass alles wieder gut würde.

Nein, es wird nicht alles wieder gut. Schon gar nicht um öffentliches Geld. Die Katastrophe ist abgeschrieben; restliche Unterstützung wird administriert, aber nicht mehr mit dem Enthusiasmus der frühen Helfer geleistet.

Und so bleiben verschiedene Kategorien von Opfern zurück: Die, bei denen die Unterstützung dafür gereicht hat, wieder auf die Beine, unter ein neues Dach, zu einer neuen Existenz zu kommen. Und jene, die absehen können, dass es ab jetzt nicht mehr besser, sondern eher schlechter wird: Weil man etwa vor der Katastrophe schon hohe Schulden hatte.

Da kommt Neid auf die anderen auf; und ein Zorn auf "die da oben", die sich inzwischen andere Themen gesucht haben. Die Pensionsreform zum Beispiel, die Gesundheitsreform und die nach dem Hochwasser aufgeschobene Steuerreform - die Besitzern eines verschuldeten Hauses mit feuchten Grundmauern nicht viel bringen wird.

Der Wasserschaden, den die Politik erleidet, hat aber nicht nur mit dieser Vertrauenskrise bei den Ärmeren der Betroffenen zu tun. Sondern auch damit, dass die Lehren aus der Katastrophe eher bescheiden geblieben sind. Gewiss, man hat bei der Wiederherstellung der Infrastruktur auf Fehlertoleranz geachtet, damit bei allfälligen künftigen Überschwemmungen weniger passieren kann.

Aber sonst? Sind alle möglichen künftigen Hochwasser neu berechnet, die roten Zonen für Bauverbote neu ausgewiesen worden? Gibt es eine halbwegs brauchbare Abschätzung, wie Bodenversiegelung und Wildwasserverbauung, verringertes Wasserrückhaltevermögen der Wälder und laxeres Risikobewusstsein der Bevölkerung bei einer künftigen Extremwetterlage zusammenspielen könnten? Wissen wir genug über das, was Österreich überhaupt an extremen Wetterlagen zu erwarten hat?

Oder lassen wir Wasserschaden Wasserschaden sein und warten tatenlos auf den nächsten? (DER STANDARD, Printausgabe, 6.8.2003)

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