Risikofaktor Aidspolitik

13. August 2003, 17:45
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Das Ausbleiben der vorhergesagten Aidskatastrophe in Uganda stellt die Grundannahmen über die Epidemie und ihre Ausbreitung infrage - Von Christian Fiala

Wer erinnert sich noch an all die Vorhersagen über Aids in Uganda während der vergangenen 15 Jahre? Sie kündeten vom unabwendbaren Untergang des Landes, in dem die weltweite Epidemie angeblich ihren Ursprung hatte.

In Uganda, schrieb Die Welt 1990, sei "ein Drittel der Einwohner HIV-positiv". "Aids droht Afrika zu entvölkern", schloss die Süddeutsche Zeitung zwei Jahre später: Das Bevölkerungswachstum werde bis zum Jahr 2002 auf unter null sinken. Und profil schrieb zu Uganda noch 1995: "In einigen Gegenden sollen es (HIV-Positive, Anm.) über dreißig Prozent sein." Kurz: "In Afrika droht eine Apokalypse", wie der Spiegel 1996 griffig formulierte.

Heute liest man wenig über Aids in Uganda. Denn sämtliche Prophezeiungen haben sich als falsch erwiesen, wie die Ergebnisse der jüngsten Volkszählung vom September 2002 zeigen. Zusammenfassend meint das Statistische Zentralamt von Uganda: "Die Bevölkerung wuchs zwischen 1991 und 2001 durchschnittlich mit 3,4 Prozent pro Jahr. Das starke Bevölkerungswachstum ist im Wesentlichen bedingt durch die anhaltend große Fruchtbarkeit (sieben Kinder pro Frau), welche wir seit 40 Jahren beobachten. Auch der Rückgang der Sterblichkeit hat dazu beigetragen." Das bereits sehr hohe Bevölkerungswachstum in Uganda hat sich in den letzten zehn Jahren weiter erhöht, liegt im weltweiten Spitzenfeld.

Wie ist nun dieser Widerspruch zu erklären? Häufig wird angeführt, das energische Eintreten von Regierung und Hilfsorganisationen sowie unzählige Kampagnen gegen Aids hätten zu einer Änderung des Sexualverhaltens und deshalb zu einem Rückgang an HIV-Infektionen geführt. Diese Behauptung lässt sich jedoch nicht belegen - jedenfalls nicht anhand der Indikatoren zum Sexualverhalten in Uganda, wie die jüngste Haushaltsuntersuchung von 2001 zeigt.

Stabile Indikatoren

Folgende Indikatoren sind stabil, zum Teil seit 30 Jahren: die Fruchtbarkeit sowie das Durchschnittsalter von Frauen zur Zeit des ersten Verkehrs (16,7 Jahre), bei der ersten Heirat (18 Jahre) und bei der ersten Geburt (18,5 Jahre). Der einzige Indikator, der sich leicht verändert hat, ist der Anteil an verheirateten Frauen, die Verhütungsmethoden anwenden. Er stieg in den letzten fünf Jahren von 18 auf 22 Prozent - immer noch wenig im internationalen Vergleich. Regelmäßig Kondome verwenden nur zwei Prozent. Es gibt also keinen verlässlichen Hinweis, dass sich das Sexualverhalten der Menschen in Uganda verändert hätte.

Tatsächlich ist die Erklärung anderswo zu suchen. Die Horrorszenarien beruhten auf der großen Zahl von Menschen mit positivem HIV-Test. Die meisten von ihnen, so die Annahme, würden nach etwa acht bis zehn Jahren an Aids erkranken, in der Folge rasch sterben. Überraschenderweise hat jedoch die Sterblichkeit nicht zugenommen. Warum, legte eine Studie bereits 1994 nahe: Elisa und Western Blot, die am häufigsten verwendeten Tests, sind möglicherweise nicht ausreichend für die Diagnose einer HIV-Infektion in Zentralafrika.

Seither haben zahlreiche weiteren Studien diese Aussage bestätigt. Besonders in Afrika haben die Menschen viele Antikörper gegen Krankheitserreger und Fremdeiweiß nach Blutspenden oder unsauberen Injektionen. Einige dieser Antikörper können zu einem falsch-positiven HIV-Test führen.

Auch offizielle Aidsstatistiken sind unzuverlässig und irreführend. Die Diagnose von Aids basiert auf einer eigenen Definition für Entwicklungsländer (Bangui-Definition), welche die Weltgesundheitsorganisation (WHO) 1985 beschloss. Danach wird Aids aufgrund unspezifischer Krankheitssymptome diagnostiziert. Noch heute werden in Uganda und anderen afrikanischen Ländern Menschen mit anhaltendem Durchfall, Fieber und Juckreiz zu Aidskranken erklärt. Auch die typischen Symptome für Tuberkulose, Fieber, Gewichtsverlust und Husten, gelten offiziell als Aids - ohne HIV-Test.

In der Zentrale der WHO in Genf werden zu den gemeldeten Aidskranken dann vermutete Fälle dazugezählt, um zu einer Gesamtschätzung zu kommen. So verkündete die WHO im November 1997, es gebe seit dem vorherigen Bericht vom Juli 1996 etwa 4,5 Millionen mehr Aidsfälle in Afrika. In diesem Zeitraum waren jedoch nur 120.000 Aidskranke tatsächlich auch gemeldet worden: 97 Prozent der angeblichen neuen Aids-fälle waren erst in der WHO-Zentrale in Genf entstanden.

Seither bereitet die WHO die Statistiken anders auf. Nun werden gesunde Menschen mit einem positiven HIV-Test gemeinsam mit Aidskranken in den WHO-Statistiken geführt. Der auf dieser irreführenden Basis geführte Kampf gegen Aids hat jedoch fatale Konsequenzen.

So empfahl etwa Unaids, die Aidshilfeorganisation der Vereinten Unionen, 1999 den Wirtschaftsministern afrikanischer Länder, die Budgets für Soziales, Erziehung, Gesundheit, Infrastruktur und ländliche Entwicklung zu kürzen, um mehr Mittel für den Kampf gegen Aids zur Verfügung zu haben. Andere Probleme werden vernachlässigt.

So hat ein großer Teil der Bevölkerung Ugandas keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser: Im Jahr 1990 waren es 56 Prozent. Zehn Jahre und Millionen Dollar an Spenden später waren es immer noch 50 Prozent. Besonders fatal ist die Situation in Kyotera, einer Stadt des Rakai-Distrikts. Dort wird besonders viel Geld im Kampf gegen Aids ausgegeben, weil dieser Distrikt angeblich am stärksten von der Epidemie betroffen ist. Trotz Millionen von Hilfsgeldern, Kampagnen für Abstinenz und verteilter Kondome müssen die Menschen von Kyotera ihr Trinkwasser immer noch von einem ungeschützten Wasserloch holen - und sich dieses sogar noch mit den Weidetieren teilen.

Viel Geld - wohin?

Währenddessen fahren Aidsexperten in allradgetriebenen klimatisierten Autos durch das Land, wenn sie nicht gerade in ihren komfortablen Büros die Welt vor Aids retten oder auf einem Kongress im Ausland ihre neuesten Medikamentenversuche an Afrikaner vorstellen. Die Regierung hat nicht nur für viele Millionen Dollar Kondome auf Kredit gekauft, sondern borgt sich von den Industrieländern noch mehr Geld, um ungenaue HIV-Tests und toxische Aidsmedikamente kaufen zu können.

Fazit: Die Aidshysterie der letzten 20 Jahre war zwar politisch korrekt, führte aber zu einer Vernachlässigung anderer weit wichtigerer Aspekte. Profitiert haben die unzähligen westlichen NGOs, Organisationen und Aidsexperten.

Nun ist Irren menschlich. Allerdings muss eine Politik, die auf falschen Annahmen beruht und vornehmlich negative Auswirkungen für die Betroffenen hat, verworfen werden. Es stellt sich immer dringender die Frage, wann sie den Prioritäten der Menschen in Afrika angepasst wird.

(DER STANDARD, Printausgabe, 6.8.2003)

Der Autor ist Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe in Wien und Mitglied der Expertenkommission des südafrikanischen Präsidenten zu HIV/Aids. 2002 arbeitete er im Mulago Hospital in Kampala, Uganda.
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