"Die Angst ist immer noch da"

8. August 2003, 10:03
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Am 6. August 2002 begann die Sintflut: In zwei gewaltigen Wellen schwappte das schlimmste Hochwasser seit mehr als 100 Jahren

So schnell vergessen die Leute halt nicht. Und falls doch, helfen die Bilder. Beim Bäcker zum Beispiel hängen sie. Auf einen Karton gepickt. Neben der Vitrine. Fotos vom Hochwasser: Wasser, das hüfthoch im Geschäftslokal steht. Schlamm, der eine zentimeterdicke Kruste über Boden, Einrichtung und Wände des Geschäftes und der Bachstube gebildet hat. Sperrmüll, zu dem alles wurde, was nicht rechtzeitig aus Geschäft und Bäckerei hatte evakuiert werden können. Viel Zeit, zeigen die Fotos, dürften der Bäcker und seine Familie nicht gehabt haben. Vor einem Jahr. Als das Wasser aus dem Fluss – der Aist – in die Stadt – Schwertberg – kam.

In der Bäckerei riecht es längst wieder so, wie es in einer Bäckerei zu riechen hat. Es schaut auch so aus. Schaumrollen, Brotkörbe, schmähführende Kunden. Draußen, am Platz, scheint die Sonne. Hochwasser? Das dürfte, ja muss, anderswo gewesen sein – und der Ort hat zufällig auch Schwertberg geheißen.

Auf den ersten Blick, gibt Josef Brettbacher zu, könne dieser Eindruck wirklich entstehen: Bauarbeiten in und an Flussläufen, so der SP-Vizebürgermeister der 5300-Seelen-Gemeinde, könnten ja auch ohne vorangegangene Katastrophe stattfinden. Aber wenn man mit den Leuten redet, sagt Brettbacher, wird doch rasch klar, dass das Hochwasser vom Sommer 2002 weder vergessen noch überwunden ist: "Viele Schäden – Senkungen in Häusern zum Beispiel – wurden erst später sichtbar. Da gibt es noch jede Menge Arbeit."

Vom Versuch, . . .

Dennoch setzt der Vizebürgermeister auf drei positive Botschaften: "Es gab keine Toten. Die Häuser sind alle wieder bewohnbar. Und: Die großen Betriebe sind geblieben." Das habe auch "dem Kleingewerbe und den Bürgern Mut gemacht, nicht aufzugeben."

Josef Brettbacher denkt positiv. Als Politiker – und HAK- Lehrer – hat man Vorbildcharakter: Das "Gute" (Brettbacher betont die Anführungszeichen) an der Katastrophe, die allein in Schwertberg 500 Häuser beschädigte, sei auch die ge- und erlebte Solidarität gewesen: "Es gab keine Politik mehr – wir hatten genug damit zu tun, uns gegenseitig den Kopf über Wasser oder Schlamm zu halten."

. . . positiv zu denken

Und wenn Brettbacher an die Hilfe, die aus ganz Österreich kam, denkt, bekommt er heute noch beinahe feuchte Augen: Aus Graz, aus Kärnten, aus Kitzbühel, "von überall" kam sie. Nicht nur von Feuerwehren, auch von Privatpersonen. "Da war einer, ein Wirt, der einfach seinen Anhänger mit Werkzeug vollgepackt hat und hergefahren ist."

Das klingt heute zwar kitschig, war vor einem Jahr aber wichtig. Für die Psyche. Um nicht zu verzweifeln. Gegen das Gefühl des Verlassen- und Vergessenseins. Und auch jetzt, ein Jahr danach, sei diese Stimmung noch zu spüren: Die Freiwillige Feuerwehr aus Sachsenberg (Kärnten) etwa habe kürzlich Schwertberger Kinder in die Hohen Tauern "entführt".

Denn gerade bei den Kindern, erklärt auch Schwertbergs Bürgermeister Kurt Gaßner (SPÖ), sei immer noch zu erkennen, dass das Hochwasser längst nicht überwunden ist: "Es gibt viele, die sich bei Gewittern am Dachboden verkriechen oder die Vorhänge zuziehen." Erwachsene, so der Stadtchef, könnten solche Symptome lediglich besser verstecken: "Aber aufs Wetter und den Fluss schaut man heute schon viel genauer als früher. Die Angst ist da."

"Es gab keine Toten"

Nicht nur Angst. Auch Frust – und der wird langsam zu Ärger. Denn wenn die Rede von der Solidarität der "kleinen Leute" auf die der großen Politik kommt, tun sich Bürgermeister und Vize schwer, weiter so demonstrativ positiv zu bleiben: "Überall wird repariert und investiert", erzählt Gaßner, und mit den Landesbehörden kooperiere man über alle Parteigrenzen hinweg "hervorragend". Nur "wäre es doch schön, wenn der Bund beim Zahlen nicht ganz so säumig wäre."

Gaßners Vize wird deutlicher: "Nach dem Hochwasser war der Bundeskanzler hier und hat viel versprochen." Ein Jahr – und eine Wahl – später warte die Gemeinde noch immer auf die Einlösung der Versprechen. Denn wie gesagt: So schnell vergessen die Leute halt nicht. (Thomas Rottenberg/DER STANDARD, Printausgabe, 6.8.2003)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Hochwasser in Schwertberg am 8. August 2002

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