Symphonischer Festspiel-Alltag

5. August 2003, 19:07
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Die Wiener Philharmoniker in Salzburg

Salzburg - Für jene Musikfreunde, die sich die für 10. August um 19.30 in Ö1 vorgesehene Übertragung dieses Philharmonikerkonzerts un- ter Semyon Bychkov anhören möchten, könnte es gerade im schönsten Tschaikowsky-Rausch einen irritierenden Interruptus geben: In seiner Begeisterung hat der Maestro mit dem Dirigentenstab zwei vom Plafond des Großen Festspielhauses herabhängenden Mikrofonen einen Hieb versetzt, sodass diese noch eine Weile zu den Noten tanzten.

Diese Einlage ist das Einzige, das an dieser Wiedergabe der fünften Symphonie hervorzuheben wäre. Vielleicht auch noch das vom Solohornisten meisterhaft vorgetragene Thema des zweiten Satzes und das in seiner verhaltenen Fahlheit höchste Erwartungen weckende, einleitende Andante. Was folgte, war jedoch Alltag mit nur spärlichem orchestralem Farbenspiel, Un- terhaltungsware, die bei den Salzburger Festspielen nicht angeboten werden dürfte.

Da hat Jewgenij Kissin als Solist in Beethovens drittem Klavierkonzert die Ansprüche schon höher geschraubt. Sein trotz seiner weltmeisterlichen Technik stets etwas improvisatorisch wirkender aufregender Stil steht nicht nur im Gegensatz zur steifen Puppenhaftigkeit seiner Gesten, er kontrastierte auch mit der sachlichen Routine der Philharmoniker. Der Grund für die erwähnten Einschränkungen mag in der Uraufführung eines Adagios in Form eines Rondos liegen, das Christobal Halffter in ihrem Auftrag geschrieben hat und für die sie wohl den Großteil der Probenzeit aufgewendet haben.

Das Ergebnis war ein ambitioniert vorgetragenes, zusammenhanglos wirkendes Kompendium aller seit einem halben Jahrhundert bekannten Orchestereffekte, das mit einem aufgesetzt wirkenden Streichergesang schließt. Zu Halffters Entlastung muss gesagt werden, dass er etwas Heiteres schreiben wollte.

Doch leider war der Tag, an dem er sich an die Arbeit machte, der 11. September 2001. Und da war Schluss mit lustig. Ein Grund mehr, alle profanen und geistlichen Heiligtümer des Westens künftig sorgsam zu bewachen. Sonst schreibt ein anderer Avantgarde-Veteran für die Philharmoniker gleich was Trauriges. Und Osama Bin Laden geht noch in die Geschichte der Festspiele ein. (vuji/DER STANDARD; Printausgabe, 06.08.2003)

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