Verschlüsseltes Leiden an der Gegenwart

5. August 2003, 19:41
posten

"Kunst in der DDR" - eine Berliner Retrospektive in der Neuen Nationalgalerie nimmt spektakulär Maß

"Kunst in der DDR" passt vortrefflich ins Umfeld eines neuen, gelasseneren Umgangs mit deutscher Zeitgeschichte und einem verschwundenen Land.

Good Bye, Lenin - der deutsche Kinohit von Wolfgang Becker, er markierte eine mentale Wende in Deutschland. Die DDR wird auf einmal mit anderen Augen gesehen. Auch von denen, die bisher gar nicht so viel darüber wussten, und selbst von jenen, die das verschwundene Land nur allzu gut kannten.

Die melancholische Geschichte einer Ostberliner Mutter, die den Herbst 1989 im Koma verschläft und dann von ihrem Sohn die Illusion des Alles-ist-noch-wie-früher als Komödie vorgeführt bekommt, lag wohl nicht ganz zufällig im Trend einer gelasseneren Rückschau. Es schien an der Zeit, die Kampfargumente für die immer wieder neu aufflammenden Streitereien über die DDR, ihre Bedeutung und das Leben in diesem Land gegen eine mildere und dabei genauere Sicht aufzugeben.

Die Neunzigerjahre waren, was dieses Thema angeht, zermürbend. Trotzigen "Ostalgikern" standen Historiker, Publizisten und Politiker gegenüber, die jeden Verweis auf eine Hervorbringung der DDR mit einem Hinweis auf Stacheldraht und Diktatur zurechtrückten. Ob eine Bewertung des Bildungssystems im Einzelnen oder die Berufstätigkeit von Frauen, ob Sportwunder oder Literaturgrößen - immer wurde gestritten und, von welcher Seite auch immer, mit Eifer eingeordnet und geurteilt. DDR-Geschichten blieben das trennende Element in Sachen Wiedervereinigung.

Besonders hart wurde auf dem Felde der bildenden Kunst gefochten. In einem so genannten "Bilderstreit" vor zehn Jahren ging es in etwa darum, ob einige im Westen lange schon geachtete Maler der "Leipziger Schule" wie Werner Tübke und Bernhard Heisig als Staatskünstler zugunsten vertriebener und unterdrückter Künstler disqualifiziert werden müssten. Und ob die in der DDR entstandene Kunst unter den Gesichtspunkten der westlichen Moderne überhaupt Bestand hätte.

Grundsätzlich galt, kein Werk sei frei von den Bedingungen, unter denen es entsteht, und das war natürlich ein sehr außerkünstlerischer Grundsatz, wie er eben auch für die Einschätzung von DDR-Universitätsprofessoren oder anderen "Systemkräften" üblich war. Dennoch war das Interesse gerade an dieser Kunst nicht gerade gering.

Vermintes Gelände

1997 zeigte eine große Berliner Ausstellung Deutschlandbilder aus Ost und West, und prompt wurde darüber gestritten, ob die aus der DDR stammenden Werke denn auch tatsächlich sorgfältig genug ausgewählt und dann auch sorgfältig genug ausgestellt wurden. Das Gelände war vermint wie einst die innerdeutsche Grenze.

Zwei Jahre später kam es in Weimar, damals Kulturhauptstadt, zum Eklat und Tiefpunkt des deutschen Bilderkriegs, als die Ausstellung Aufstieg und Fall der Moderne abgebrochen wurde, weil kriterienlos schlecht zusammengehängte DDR-Malerei auch noch mit Hitlers Privatsammlung von Bildern in eine Beziehung gesetzt wurde. Einige Künstler wehrten sich sogar mit juristischen Mitteln dagegen.

Angesichts dieser Vorgeschichte brauchten die Kuratoren Eugen Blume und Roland März nicht nur beharrlichen Sachverstand für die Kunst in der DDR, die sie nun in der Neuen Nationalgalerie in Berlin präsentieren. Ihre Auswahl von fast 400 Arbeiten basiert auf weit gehend gesicherten kunsthistorischen Kriterien und ist von Polemik frei. Es gab offenbar weder Extra-Minuspunkte für offizielle Kunst noch einen Bonus für unterdrückte Lebensläufe.

Von der "Stunde Null" (darin Wilhelm Rudolphs erschütternde Zeichnungen des zerbombten Dresden) bis zu den Fotografien von Künstlern einer illusionslos aufgewachsenen Generation der Achtzigerjahre entwickelten sie einen "Essay" über große Kunst in der DDR: ihre Zentren in Berlin, Leipzig und Dresden, die formalen Entwicklungen bis hin zu Neoexpressionismus und Mail-Art sowie bevorzugte Motivbildungen wie die immer wieder der christlichen Ikonografie entlehnten Verschlüsselungen des Leidens an der Gegenwart.

Ulbricht wettert

Ihre Präsentation in dem von Mies van der Rohe geschaffenen Bau der Neuen Nationalgalerie wirkt tatsächlich: klassisch modern. Auf eine Einbettung in zeitgeschichtlich politische Zusammenhänge wurde weit gehend verzichtet, nur sparsam wird der Besucher in Texttafeln darauf aufmerksam gemacht, etwa mit einem Zitat Walter Ulbrichts, der gegen die "faulen Fische" der westlichen Moderne in der heißen Phase des Kalten Kriegs Anfang der Fünfzigerjahre wettert.

Falls jemand unter Kunst in der DDR immer noch die Doktrin des "Sozialistischen Realismus" zu sehen erwartet, aus welchen Gründen auch immer, dann wird er überrascht. Die komplizierte Geschichte eines gewiss auch erzwungenen kreativen "Ummalens" von Traditionen oder das individuelle Aufgreifen von abstrakten und informellen Stilen wird durchweg mit Werken von Rang gezeigt.

Die Zusammenschau erklärt jedoch nicht (und das wurde ihr im Vorfeld schon vorgeworfen), wie diese zustande kamen: ob solche Positionen auf vollkommen persönlichen Entscheidungen wie "innerer Emigration" beruhten, in quasi dissidenter Auseinandersetzung mit der Gesellschaft entstanden oder in kritischer Verbundenheit mit ihr, wie wohl die meisten Künstler aus der DDR zumindest zeitweise agierten.

Aber das kann eine Ausstellung, die Kunst zeigt, auch gar nicht. Blume und März, beide aus der DDR stammend, gehen davon aus, dass diese Kunst sich nicht mehr der ausschließlichen Beurteilung von "Verstrickung" oder Systemkritik zu stellen habe. Es ist die fraglos anerkannte und doch manchmal noch nicht einem breiten Publikum entdeckte Moderne der Kunst in der DDR, die sie gleichsam durchdeklinieren, ohne mit jedem Werk gleich wieder in deren strapazierte Geschichte eintreten zu müssen.

So entsteht erstmalig ein bemerkenswert offenes Gesamtbild - vielleicht noch kein Kanon - von immerhin 145 Künstlern. Verbunden mit der sachten Botschaft, sich der Kunst in der DDR ohne den Eifer eines politischen oder systemvergleichenden Vorurteils zu nähern. Und auch ohne Wende-Koma.
(DER STANDARD; Printausgabe, 06.08.2003)

SERVICE

Neue Nationalgalerie Berlin,
bis 26. Oktober, ausg. montags.

Katalog:
G + H Verlag Berlin,

von Thomas Irmer aus Berlin

  • Artikelbild
    neue nationalgalerie
Share if you care.