Die "Dissertation des Terrors"

13. August 2003, 06:57
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Sean Gorman schreibt seine Doktorarbeit über die Glasfaser-Netze Amerikas und dies seit einiger Zeit unter strenger Beobachtung der US-Behörden

Ein amerikanischer Student schreibt eine Dissertation - an und für sich keine große Meldung - auch, dass sich seine Arbeit rund um die Glasfaserinfrastruktur der Vereinigten Staaten dreht, hatte bislang selbst seinen Professor nicht wirklich interessiert, doch dann kamen die US-Behörden und entdeckten das enorme Potential dieser Arbeit - als "Landkarte" für terroristische Attacken. Nun gilt seine Doktorarbeit als Sicherheitsrisiko und er selbst darf weder ins Internet noch Details über seine Arbeit preisgeben - auf Anordnung der US-Geheimdienste.

Eine Bedrohung

Wie schon seit einiger Zeit bekannt sein dürfte, ist in den USA seit dem 11. September nichts mehr so wie es einmal war. Rigorose Einreisebestimmungen, Kriege gegen den Terror und eine traumatisierte Gesellschaft waren die Ergebnisse der Terroranschläge. Auch Ereignisse, die früher nicht einmal eine Fußnote in den Medien wert waren, finden nun enorme Beachtung. So auch die Doktorarbeit eines gewissen Sean Gorman. Der Student der George Mason University hat seine Leidenschaft für für Glasfaser-Netzwerke, die Lebensadern der Informationsgesellschaft entdeckt und begonnen diese zu katalogisieren und näher zu untersuchen. Laut einem Bericht der Washington Post hat Gorman so eine detaillierte Landkarte des Glasfasernetze Amerikas erstellt.

Detaillierte Auskünfte über Netzwerke

Diese Karte gibt detaillierte Auskünfte über die Netzwerkanbindungen jedes Unternehmens in den USA. Anwender können in dem selbstgeschriebenen Programm zum Beispiel auf Manhattan Island klicken und sehen dann welche Kommunikationsdatenbahnen dort verlaufen und welche Firmen miteinander und untereinander vernetzt sind beziehungsweise wie welche Netze miteinander zusammenhängen und ineinander übergehen. Ein kurzer Klick auf Baltimore und schon können Interessierte sehen wo sich die Schnittpunkte im Datenhighway von einzelnen Wirtschaftssektoren etwa dem Transportwesen finden.

Die verwundbarsten Stellen des Datennetzes

Ein "Abfallprodukt" seiner Katalogisierungs- und Digitalisierungs-Arbeit war die Erkenntnis, dass die transamerikanischen Glasfasernetze ihre Schwachpunkte haben. Sean Gorman suchte daraufhin die verwundbarsten Stellen des Datennetzes und fand diese auch. Kurz nachdem seine Erkenntnisse bekannt wurden, wurden auch die amerikanischen Behörden und Geheimdienste auf den Studenten aufmerksam. Gorman wurde zu einem Treffen geladen und sah sich auf einmal mit einer neuen Realität konfrontiert. Seine Doktorarbeit wurde klassifiziert und gilt nun als enormes Sicherheitsrisiko. Daher soll seine Doktorarbeit auch nicht veröffentlicht werden - aus Angst vor Anschlägen.

Weg aus der digitalen Welt

Seit diesem Treffen war der Computer des 29-Jährigen weder im World Wide Web noch im internen Netz seiner Universität eingeloggt. "Die Herren haben mir dringend dazu geraten", meint Gorman in diesem Zusammenhang gegenüber der Washington Post. "Sonst könnte jemand in das Computersystem einbrechen und die Daten meiner Doktorarbeit stehlen." Mittlerweile wurde Gormans Arbeitsplatz verlegt. Er schreibt nun unter Aufsicht in einem fensterlosen Raum mit Betonwänden seine Dissertation weiter. Wo dieser Raum sich befindet, darf der Student nicht verraten. Auch Details zu seinem Projekt dürfen nicht bekannt werden.

Sicherheitsmaßnahmen verstärkt

Die Universität hat ihre Sicherheitsmaßnahmen überarbeitet und verstärkt. Zusammen mit dem Department of Homeland Security (DHS) werden weitere Richtlinien und Vorgehensweise erarbeitet. Brenton Greene, Direktor für Infrastruktur-Koordinierung im DHS beschreibt das Projekt als "ein Kochbuch wie man die Schwachstellen unserer nationalen Infrastruktur ausnutzen kann". Greene findet nur Worte des Lobes für Gormans Arbeit, allerdings nur so lange keine Details an die Öffentlichkeit dringen. "Wir gaben ihm die Empfehlung diese Daten nicht öffentlich zugänglich zu machen", so der Kommentar von Greene.

"Unser Nervensystem"

Richard Clarke, bis vor Kurzem nach Chef der Cyberterrorismus-Abteilung im Weißen Haus wird im Interview mit den Worten zitiert: "Er sollte seine Arbeit zur Benotung seinem Professor zeigen und dann schnell verbrennen. Das Glasfasernetz ist unser Nervensystem. Jede einzelne Faser transportiert Informationen und Daten die wichtige sind für den Datenverkehr im Internet, für die Mobil- und Festnetz-Telefonie, für militärische Operationen, für Bankgeschäfte und die Kontrolle von Flugverkehr, Wassersystemen und Kraftwerken und unzähligen anderen lebenswichtigen Dingen. Wollen Sie den Terroristen wirklich eine Straßenkarte geben, damit sie alles in die Luft sprengen können?"

Schicht für Schicht

Die Journalisten der Washington Post durfte Gorman nur im Zimmer seines Professors empfangen. Dieser Platz wurde von den Behörden zur zwischenmenschlichen Kommunikation mit Besuchern ausgewählt und soll das Sicherheitsrisiko minimieren. Auf einem großen Plasmabildschirm darf Gorman den Journalisten einen kleinen Einblick in seine Arbeit geben. Ein Netz aus verschiedenfarbigen Lichtern ist die Ausgangsposition seiner Erläuterungen. Hier seien die Knotenpunkte des amerikanischen Glasfasernetzes zu sehen, so Gorman. Dann beginnt der Student nach und nach in der komplexen Struktur eine Schicht nach der anderen "abzutragen". Für fast jede Branche hat Gorman das dazugehörige Datennetz ermittelt, auf dem sich die jeweiligen Unternehmen austauschen. So kann er die einzelnen Netze - etwa für die Stromversorger, für Einzelhandelsketten oder die Gasindustrie übersichtlich ein- und ausblenden.

"Alle sind miteinander verbunden"

Alle Unternehmen besitzen eigene Kapazitäten im Glasfasernetz und sind kreuz und quer miteinander verbunden", so Gorman. Als Beispiel liefert er eine Großveranstaltung am Ort XY. "Aufgrund dieser Veranstaltung steigt in einer Stadt der Stromverbrauch. Über das Glasfasernetz fordert das Elektrizitätsunternehmen mehr Erdgas für sein Kraftwerk an. Daraufhin öffnet die Leitstelle des Gasversorgers mit einem Computerbefehl, der natürlich auch über das Netz geht, die Leitung und lässt mehr Brennstoff zum Kraftwerk strömen".

Wo würde Osama bin Laden zuschlagen?

Gormans Netzwerk-Landkarte würde es Terroristen ermöglichen die verwundbarsten Stellen für Attacken zu nutzen und so den gesamten Datenverkehr der USA lahmzulegen, meinen die US-Behörden. Was mit Sean Gorman und seiner Doktorarbeit passiert, steht noch in den Sternen. Einerseits wollen die Unternehmen die Erkenntnisse für Verbesserungen nutzen, andererseits wollen die Geheimdienste die Verbreitung dieser Informationen unterbinden. Und Gorman? - Der Student möchte eigentlich nur seinen Abschluss und Titel und dann ein normales Leben führen. Wessen Wünsche nun wirklich in Erfüllung gehen werden, wird sich erst noch zeigen.(grex)

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