Am Rande des Versorgungskollapses

8. August 2003, 13:22
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In Italien gibt es ein Boom bei Kühlung und Erzeugungsengpässe sind an der Tagesordnung – Die Regierung warnt vor weiteren Stromausfällen

Wien – Die Trockenheit hat in Italien und Spanien eine echte Stromversorgungskrise ausgelöst. Hauptgrund ist der Boom bei Ventilatoren und Klimaanlagen, der den Stromverbrauch massiv nach oben getrieben hat. Was dazukommt: Weil die Energiewirtschaft in ganz Europa unter Hitze und Trockenheit stöhnt, kann der höhere Bedarf nicht durch Exporte gedeckt werden.

Während Spanien einen historischen Rekord an gemessener Leistung erreichte, warnte die Regierung in Rom erneut vor der Gefahr von Ausfällen: "Blackouts können sich zu jeder Zeit im ganzen Land ereignen." Gründe der prekären Versorgungslage: Kraftwerke und Netze sind total überlastet, weil dort in den vergangenen Jahren wegen bürokratischer Hürden praktisch nichts investiert wurde – und das, obwohl der Bedarf spürbar gestiegen ist. Und der wichtigste Stromimporteur, Frankreich, schränkte die Lieferungen ein, weil Atommeiler wegen Kühlwasserproblemen heruntergefahren worden sind. Das gleiche Problem hat auch Deutschland: Mehrere Reaktoren arbeiten wegen des Anstiegs der Wassertemperatur in Flüssen nur noch mit verminderter Leistung.

Hausgemachte Ursache

Für die Stromkrise kommt laut Österreichs Stromregulator Walter Boltz noch eine hausgemachte Ursache dazu. Italien Exmonopolist Enel hat seine Instandhaltungsprogramme so durchgezogen, als ob nichts wäre. Das Ergebnis dieser "Ungeschicklichkeit": Ende Juni hatten die Kraftwerksbetreiber von Mailand bis Messina gezielte Abschaltungen durchgeführt, sechs Millionen Italiener waren plötzlich ohne Strom.

In Italien fließen täglich 53.000 Megawatt (MW) über das Netz, die installierte Kapazität beläuft sich auf 55.000 MW. Weil es aber zu wenig Wasser zur Kühlung der Tur binen gibt, können die Kraftwerke nicht mit voller Leistung fahren. Im Schnitt kosten die Kühlprobleme zehn Prozent der Erzeugung.

Etwas besser sei die Lage in Spanien, vor allem, weil die Stromfirmen ein ambitioniertes Ausbauprogramm fahren. "Wenn alle neuen Kraftwerke im nächsten Jahr am Netz sind, wäre ein vergleichbares Wetter kein Versorgungsproblem mehr", sagte Boltz. Grund für die hektischen Ausbauaktivitäten: Die Regierung rechnet für die nächsten Jahre mit Zuwächsen beim Strombedarf von durchschnittlich 3,7 Prozent, das ist doppelt so viel wie in Österreich.(Clemens Rosenkranz, Der Standard, Printausgabe, 06.08.2003)

  • Die anhaltende Hitzewelle bringt die Stromversorgung durcheinander
    foto: epa

    Die anhaltende Hitzewelle bringt die Stromversorgung durcheinander

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