Das stinkende Ding

10. August 2003, 00:19
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Cuba ist ein schönes Land, dem in vieler Hinsicht unsere Sympathien gehören. Und aus Cuba kommen tolle Zigarren. Nur, muss man mit den Dingern einen ganzen Abend verbringen?

Zigarren waren bis vor zwei, drei Jahren der absolute Renner in der Gourmet-Community. Ob einem drauf schlecht wurde oder nicht, aber wer dazu gehören wollte, der musste nicht nur seinen Margaux im Keller liegen haben, sondern auch vor Zeugen eine Partagas N°5 bewältigen. Ja, die mit der rotgoldenen Schleife, - ja, die, aufgrund derer schon der eine oder andere dann doch nicht so harte Kerl in die ewigen Jagdgründe einging. Was so weit ging, dass an einem durchschnittlichen Freitag im Steirereck ab 22.30 eine große Unruhe unter den männlichen Gästen zu bemerken war, ein Hin- und Herwetzen, ein nervöses Nesteln an geheimen Taschen im Sakko und an phallisch geformten Lederfutteralen. Bis dann einer endlich sein Ding rausholte, also jetzt konkret eine Cohiba Robusto oder eine Montecristo A oder so was, was unter „Aficionados“ halt ordentlich Wind macht. Und dann ging's auch schon los: wusch, schaut her, ich hab eine(n) noch größere(n), und zack, meine(r) ist ganz dick, und – trara – ich hab sogar gleich zwei gleichzeitig ...

Eh lustig, und für Herren im besten Alter zweifellos eine ganz famose Möglichkeit zu zeigen, dass man's eh noch voll drauf hat, und dass man auch indoor, wo man den Porsche halt nur schlecht mitnehmen kann, auch etwas zu bieten hat. Und tatsächlich sind großartige Zigarren ja auch eine wunderbare Sache, weicher, aromatischer Rauch, tolle Handarbeit, verführerischer Duft, Berauschung durch den Nikotin-Hammer, den man sich da einverleibt. Nur für Nicht-Zigarrenraucher stinken die Dinger halt mal ziemlich unerträglich. Und Nicht-Zigarrenraucher sind in „normalen“ Restaurants mittlerweile fast alle (weil Zigarren nämlich längst wieder mega-out sind, nur für die, die's noch nicht bemerkt haben sollten), und die finden das dann vielleicht auch gar nicht so lustig, wenn sie zart gegarten Fisch und Wein mit nuanciertem Terroir zu sich nehmen wollen und vom Nebentisch müffelt es herüber, als hätte jemand einen 70jährigen Pferdesattel und ein paar Zehennägel in Brand gesteckt. Ich meine, Toleranz gut und schön, aber das Wort heißt meiner Ansicht nicht, dass sich alle von einem einzigen terrorisieren lassen müssen, oder?

Zigarren können ganz wunderbar auch zu Hause, bei geschlossenem Fenster und deaktiviertem Brandmelder geraucht werden, oder auf einsamen Inseln oder im Inneren eines Vulkans oder im Foyer einer Tierkörperverwertung oder im schönen Cuba oder sonst irgendwo, aber nicht an meinem Nebentisch, capisce? Außerdem gibt es, so liest man immer wieder, die diversen Viagras und Konsorten jetzt eh schon ganz billig über Internet zu bekommen, also vielleicht müsste man dann ja nicht mehr zum phallischen Surrogat greifen, sondern könnte die Sache in aller Natürlichkeit und Privatheit und ohne Absonderung stinkender Schwaden abhandeln? Danke.

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