Nurcholis Madjid im STANDARD-Interview: "Jetzt bricht der Groll der Muslime hervor"

10. August 2003, 15:44
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Indonesiens radikale Muslime begreifen die Wirklichkeit nicht mehr, meint der liberale Islamwissenschafter Nurcholis Madjid - Markus Bernath sprach wenige Tage vor dem Anschlag mit ihm in Jakarta

Standard: Südostasien galt jahrzehntelang als tolerante Region, in der Muslime, Hindus und Christen weit gehend friedlich zusammenlebten. Was hat sich geändert?

Madjid: Wir sind jetzt Zeugen des Aufstiegs der gebildeten Muslime. In Indonesien ist das die Folge der großen sozialen Veränderungen und von 50 Jahren Unabhängigkeit - das heißt Wirtschaftsboom und -krise, aber auch bessere Bildung. Diese Muslime organisieren sich nun, sie strukturieren ihr Denken, und sie kritisieren am Ende vor allem das Establishment. Ein Großteil der Muslime hat die Vorstellung, dass sie ihr ganzes Leben lang benachteiligt wurden. Jetzt bricht der Groll hervor.

Standard: Wollen Sie sagen, Koran und Universitätsabschluss sind eine gefährliche Mischung?

Madjid: Nein, aber die romantisierende Darstellung von der Geschichte des Islams führt zu Entfremdung und zur Zurückweisung der Realität. Die ganze Rhetorik der Muslime ist auf dieser falschen Vorstellung der Geschichte aufgebaut. Nehmen wir die Frage von Staat und Religion zum Beispiel. In Europa gab es eine Zeit, in der Staat und Religion identisch waren, aber im Islam gab es so etwas nie. Alles war weltlich. Trotzdem fordern diese Muslime die "Rückkehr" zu einem islamischen Staat. Ihr romantisches Verständnis der Geschichte lässt sie die Wirklichkeit nicht begreifen.

Standard: Was ist der Unterschied zwischen dem Islam in Südostasien und in Nahost?

Madjid: Südostasien hat eine Kultur der Toleranz, wo verschiedene Religionen zusammenleben, das ist richtig - Katholiken auf den Philippinen, Muslime in Indonesien, Hindus in Thailand. Ich glaube aber, das ist weit mehr ein historischer Zufall als irgendein grundsätzlicher Respekt vor gemeinsamen Werten. Darum gibt es hier auch so viele Widersprüche im Islam. Die indonesischen Muslime mögen tolerant erscheinen, aber wenn es einmal eine Krise gibt, dann sind sie ganz und gar nicht tolerant. In der arabischen Welt gibt es vielleicht mehr Gewalt, aber das ist mehr ein interregionales Problem, ausgelöst durch den Konflikt um die Palästinenser.

Standard:Sie haben die Regierung wegen der Militäroffensive in der Provinz Aceh kritisiert. Was hat sie falsch gemacht?

Madjid: Acehs Bodenschätze tragen zu einem Fünftel zur Wirtschaft Indonesiens bei, aber die Provinz bekommt zu wenig zurück. Aceh ist ein Eckstein der Republik, den Jakarta vernachlässigt hat.

Standard: Sie galten als Muslimgelehrter, der sich von Politik und Parteien fern hält. Warum sind Sie jetzt in das Rennen um die Präsidentschaft in Indonesien eingestiegen?

Madjid: Aus persönlichen Gründen einmal, weil mich die Entwicklung, die dieses Land nimmt, besorgt macht. Außerdem war ich lange genug an der Universität. Und dann gab es Druck von verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen, ein paar Intellektuellen und den Medien vor allem, die mich zu einer Kandidatur drängen.

Standard:Sie wollen auf dem Ticket der Partei des früheren Autokraten Suharto die Wahlen bestreiten. Was lässt Sie glauben, Sie könnten unabhängig von der Partei bleiben?

Madjid: Ich bin nur am Wahlparteitag interessiert, nicht an der Golkar-Partei selbst. Ich habe Politik in den USA studiert und weiß, was ein solcher Wahlkongress ist. Ich nehme an, Golkar will das imitieren. Ich habe Vorgaben gemacht zum Verfahren, es soll offen sein, und die Entscheidung soll von der Basis gefällt werden. Die Golkar-Leute sind Spezialisten im politischen Geschäft, aber sie sind keine Politiker. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 6.8.2003)

Zur Person

Nurcholis Madjid (64) ist Leiter der Paramadina-Universität in Jakarta, die einen liberalen Islam vertritt; Madjid studierte Politikwissenschaften in Chicago und ging mit Abu Bakar Ba’asyir, dem mutmaßlichen Kopf der Terrororganisation Jemaah Islamiyah, in dieselbe Koranschule.

  • Nurcholis Madjid
    foto: stanard

    Nurcholis Madjid

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