Wer langsam fliegt, kommt auch voran

7. August 2003, 13:28
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Bei der Mission SMART-1, Europas erstem Mondflug, steht die Feuertaufe des Antriebs im Vordergrund der Forschung

Wien - Während zukünftige Raumschiffe in der Science-Fiction-Literatur wahre Beschleunigungsorgien bis zur "wahnsinnigen Geschwindigkeit" feiern, könnte die reale Raumfahrt in eine völlig andere Richtung steuern. Für SMART-1, die erste europäische Mission zum Mond, setzen die Wissenschafter auf einen Antrieb, dessen Rückstoß-Energie mit einem menschlichen Seufzer zu vergleichen ist. Allerdings läuft der extrem sparsame Motor über Jahre ohne Pause und treibt so ein Raumschiff beständig durch den luftleeren Raum.

Österreichische Forscher beteiligt

An der europäischen Mondmission sind auch österreichische Forscher beteiligt. So wurde Martin Tajmar von den Austrian Research Centers (ARC) für Experimente am neuartigen Antrieb verpflichtet. Tajmar gilt als führender Forscher auf dem Gebiet von so genannten Ionen-Antrieben. Die Spezialisten von Austrian Aerospace sorgen mit ihren Isolierschichten für die richtigen Temperaturen an Bord des Satelliten. Eigens für SMART entwickelte Thermal-Isolatoren bestehen aus bis zu 25 Einzellagen metallbeschichteter Kunststofffolien, sie wurden in den Reinräumen von Austrian Aerospace in Berndorf (Niederösterreich) entwickelt.

Feuertaufe des Antriebs

Wenngleich auch Experimente für die Untersuchung des Mondes an Bord sind, steht doch die Feuertaufe des Antriebs im Mittelpunkt des wissenschaftlichen Interesses. Er braucht für den laufenden Betrieb praktisch nur ein bisschen Licht, so lange die Sonne irgendwo in der Ferne scheint, fliegt auch das Raumschiff. Die rund 1,5 Watt - vergleichbar mit einem einfachen Heizlüfter -, welche der Antrieb verbraucht, liefern die Solarpaneele von SMART-1 (SMART steht für Small Missions für Advanced Research and Technology).

Der neue Antrieb liegt ganz auf der neuen Linie der Raumfahrt: Weg von milliardenschweren Megaprojekten, die sich selbst die amerikanische NASA immer weniger leisten kann, hin zu kleinen, feinen Missionen. Nicht zuletzt steckt auch finanzielles Interesse dahinter. Bewährt sich nämlich der Antrieb bei der Mission, könnte er schon bald auch kommerzielle und sonstige Satelliten auf ihrer Bahn halten, Treibstoffvorräte und -nachschub für die künstlichen Trabanten würden den Betreibern keine Sorgen mehr bereiten.

Experimente zur Untersuchung des Mondes

So sehr man sich bei der ESA bei der Mission auch auf den Antrieb konzentrieren wird, werden an Bord sehr wohl auch Experimente zur Untersuchung des Mondes untergebracht sein. So wird einmal mehr die Geologie des Erdtrabanten unter die Lupe genommen. Die elektronische Kamera AMIE wird dabei Aufnahmen im sichtbaren und infraroten Licht schießen, der Infrarotspektrometer SIR wird die Mineralien des Mondes darstellen und der Röntgenspektrometer D-CIXS soll die Chemie der Mondoberfläche scannen.

Das Experiment SPEDE wird genau untersuchen, wie der Mond bei seiner Reise durchs All eine Art Bugwelle im Sonnenwind erzeugt. Der Sonnenwind ist ein permanenter Strom von geladenen Teilchen, der von der Sonne ausgeht und das Sonnensystem überflutet. Wie ein Schiff in einem Fluss erzeugen Himmelskörper eine Bugwelle im Sonnenwind. RSIS schließlich wird feinste Bewegungen des Mondes registrieren, so eine Art Nicken vom Nord- zum Südpol, das der Mond gegenüber der Erde vollführt. (APA)

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