Irakische Büchereien schwer kriegsgeschädigt

10. August 2003, 21:01
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Historische Schriftensammlungen konnten vor Plünderern gerettet werden

Berlin - Schwere Schäden an irakischen Büchereien durch Plünderungen und Brandstiftungen hat eine UNESCO-Untersuchung ergeben. In dem Bericht, der dem am Montag in Berlin eröffneten Weltkongress Bibliothek und Information vorgelegt wird, heißt es aber auch, dass der Kern des nationalen Erbes, die unersetzbaren Sammlungen aus dem Schriftenkabinett in Bagdad, durch die Wirren von Krieg und Nachkrieg gerettet werden konnten.

Über den etwa 47.000 Bände umfassenden Bestand habe es wegen spektakulärer Berichte über Plünderungen archäologischer Sammlungen nach den Hauptkämpfen in Irak die schlimmsten Befürchtungen gegeben, heißt es in dem Bericht weiter. Jetzt müsse jede Anstrengung unternommen werden, dass "dieser Schatz nicht in die Hände von Plünderern oder der Koalition fällt".

Katastrophe

Weniger spektakulär, aber dennoch eine "große Katastrophe für das Land", sei es, was den Bibliotheken angetan worden sei. Es gehe dabei nicht nur um den Bestand an Büchern, sondern auch um die Gebäude und das Personal. Wegen des Irak-Embargos, das ein Jahrzehnt lang zu Budgetkürzungen und damit zur "unterschiedslosen Verhinderung von Neuerwerbungen" geführt habe, seien die irakischen Bibliotheken faktisch "zwei Mal zerstört" worden.

Als der wohl schlimmste Fall in der Schadensbilanz rangiert im Bericht die Nationalbibliothek in Bagdad. Sei sei am 14. April und erneut eine Woche später überfallen und geplündert worden. Der Hauptlesesaal, die Karteien, die Nachschlagewerke und die Buchbinderei seien offensichtlich mit Hilfe von Brandbeschleunigern vernichtet worden. Die Chemikalie habe solche Hitze erzeugt, dass Metallregale und Teile der Stahlstruktur des Betongebäudes aus den 70er Jahren unrettbar mitzerstört worden seien.

Aukaf-Bücherei: nur noch Außenmauern

Zwischen dem ersten und dem zweiten Angriff der Plünderer hätten Angestellte über eine Million Bände in Sicherheit gebracht. 300.000 davon lagerten zusammen mit Archivalien in einer schiitischen Moschee, wo sie hastig vom Boden bis zur Decke in einem unklimatisierten Raum gestapelt worden seien und diesen zu zwei Dritteln ausfüllten.

Kaum anders sehe es im Nationalarchiv aus, wo noch immer nicht fest stehe, welche Teile gerettet werden konnten. Von der Aukaf-Bücherei stünden nur noch die Außenmauern. Glimpflich ging es laut Bericht dagegen in der Zentralbibliothek der Mustansirija Universität ab, wo Plünderer zwei Prozent der Bestände eingesackt hätten.

Zentralbibliothek in Basra vollständig zerstört

Vollständige Zerstörung wurde in dem Bericht bei der Zentralbibliothek in Basra festgestellt, von der überwiegend nur noch die Außenmauern stünden. Aus der dortigen Universitätsbücherei fehlten 75 Prozent der Bestände und ungewiss sei das Schicksal von 600 berühmten historischen Handschriften. Ein bizarres Bild ergab sich laut Bericht in Mossul. Die öffentliche Bücherei sei so gut wie unversehrt, die Universitätsbücherei verlor dagegen etwa 30 Prozent ihres Bestandes durch Plünderungen. In der Museumsbücherei wiederum fehlten nur zehn Bände. Aber genau die seien wichtig gewesen. Es handle sich um Spezialnachschlagewerke, die offensichtlich von Experten gezielt gestohlen wurden.

Der jährliche Weltkongress des internationalen Verbandes der bibliothekarischen Vereine und Institutionen (IFLA) findet nach zwanzig Jahren erstmals wieder in Deutschland statt. Er versammelt bis Ende der Woche rund 4.000 Experten aus aller Welt in Berlin. (APA)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Die al-Muthanna-Bibliothek in Bagdad

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