Die Briten schmoren in kriechenden Zügen

7. August 2003, 18:40
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Hitzewelle könnte die Schienen verbiegen – Wettbüros warten auf 100 Grad Fahrenheit

Stundenlange Verspätungen, verstopfte Bahnsteige und der rührende Versuch, dabei britisch-stoisch zu wirken: Es war vorauszusehen, das Sommerdrama auf den Schienen des Königreichs.

Westeuropas marodeste Eisenbahn tut das, was sie immer tut, wenn das Wetter Kapriolen schlägt. Sie stürzt ins Chaos. Im Herbst sind es fallende Blätter, im Winter vereinzelte Schneeflocken und Frost, jetzt kapituliert das veraltete Gleisnetz vor der Hitze.

Seit Montag gilt auf vielen Strecken Süd- und Mittelenglands Tempolimit 95 Stundenkilometer. Wahrscheinlich bleibt die Begrenzung die ganze Woche lang in Kraft – jedenfalls dann, wenn die Temperatur auf über 30 Grad steigt. "Wir fürchten, dass sich die Gleise verbiegen", gab ein Bahnsprecher als Grund an.

"Gemäßigtes Klima"

Die Qualität des Schienenstahls, ergänzte der Ingenieur Roger Ford, orientiere sich nun mal am gemäßigten Klima der Insel, nicht an Extremen. Auf der Strecke London–Manchester, auf der ein Intercity- Expresszug eine Spitzengeschwindigkeit von 170 km/h erreicht, sitzen die Passagiere mindestens eine Stunde länger als sonst in den von der Sonne aufgeheizten Waggons.

Kein Wunder, dass so mancher neidvoll über den Ärmelkanal blickt. In Frankreich, liest der gebeutelte Fahrgast in Zeitungen, laufe auf den Trassen alles normal. Höchstens gebe mal eine Klimaanlage ihren Geist auf. Defekte Klimaanlagen – so etwas ist abgehärteten englischen Bahnkunden höchstens ein Achselzucken wert.

Magische Marke

Ganz so heiß wie auf dem Kontinent ist es nicht zwischen London und Leeds. Aber das kann noch werden. Nach heftigen Regenfällen Ende Juli schwappte die Hitzewelle voll auf die Insel über. Schon lauern die Briten auf den Moment, da die magische Marke erreicht wird: 100 Grad Fahrenheit. Das entspricht 37,7 Grad Celsius und wäre Landesrekord. Den bisherigen Höchstwert hatte man am

3. August 1990 gemessen,

37,1 Grad im Städtchen Cheltenham nahe von Bristol.

Im Londoner Untergrund können sie nur lachen über solche Statistikspielchen. Wer in der Bruthitze mit der U- Bahn fährt, dem sind 37 Grad so gut wie garantiert. Fällt ein Signal aus, bleibt ein Zug in einem schlecht belüfteten Tunnel stehen, dann fällt der oberirdische Allzeitrekord unten im Röhrenlabyrinth allemal.

Und während der hauptstädtische Zoo seine Pinguine mit Eisfisch am Stil füttert, nehmen die Buchmacher so viele Wetterwetten an wie kaum jemals zuvor. "So nah an den 100 Grad Fahrenheit waren wir wohl noch nie", orakelt Jennie Prest, Sprecherin der Kette William Hill. Die Chance, dass der britische Hitzerekord fällt, wird bei Hill mit 2:7 veranschlagt. Zu Wochenbeginn war es noch 1:10. (Frank Herrmann aus London/DER STANDARD, Printausgabe, 6.8.2003)

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