Biobauer Zoubek: "Bei billigen Lebensmitteln zahlt immer jemand drauf"

Interview25. November 2013, 13:48
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Bei der Welternährung gebe es kein Produktions-, sondern ein Verteilungsproblem, sagt Adamah-Gründer Gerhard Zoubek im Gespräch mit Roman David-Freihsl.

Standard: Kann Bio die ganze Welt ernähren?

Gerhard Zoubek: Ganz, ganz sicher. Das ist längst wissenschaftlich belegt. Wir haben kein Produktionsproblem, sondern ein Verteilungsproblem. Natürlich: Wir müssen aufpassen, dass wir weniger wegschmeißen, den Konsum ein bisschen umstellen. Wo gibt es denn den Hunger? Vor allem dort, wo die Industrie angetreten ist und gesagt hat: Denen geben wir jetzt die Fische. Anstatt dass wir das Fischen lehren. Man weiß ja beispielsweise, dass die Europäer von den Hühnern nur die Edelteile verwenden, und die Haxerln und Flügerln schicken sie nach Afrika und zerstören dort die Märkte. Und da fragen wir uns noch, ob Bio die Welt ernähren kann?

Standard: Ein Punkt in diesem Zusammenhang ist auch, dass viele Lebensmittel gar nicht den Weg ins Regal finden. Wie viele Früchte bleiben bei Ihnen auf dem Feld?

Zoubek: Natürlich müssen wir mechanisieren, und es fällt dabei auch viel daneben. Man könnte sagen, das ist organische Masse, das bringt wenigstens dem Boden noch etwas. Aber es war Saatgut, es wurde gepflegt, und es ist ein Lebensmittel. Und warum klauben wir nicht nach? Weil eine Arbeitsstunde zwölf Euro kostet. Das geht sich ja nie und nimmer aus.

Standard: Sie haben ja eine starke Kundenbindung. Wie wäre es, wenn Sie Ihre Kunden einladen, die verlorenen Früchte vom Feld zu sammeln?

Zoubek: Das haben wir heuer bereits versucht. Aber es ist viel arbeitsintensiver, als man glauben möchte. Da ist mein Sohn, der die Landwirtschaft führt, immer verzweifelt. Unsere Kunden kommen natürlich, wenn sie Zeit haben; Samstag und Sonntag. Dann muss man ihnen das Feld zeigen. Dann haben sie nur ein kleines Sackerl mit, und man muss ihnen ein Kisterl holen. Dann kommen sie vielleicht in Schlapfen ...

Standard: Klingt nach einer ziemlichen Entfremdung.

Zoubek: Es gibt schon eine gewisse Naivität gegenüber der Landwirtschaft. Allein die Frage, ob Erde auf dem Gemüse sein darf: Wie schön wäre es, wenn die Karotten und Erdäpfel noch mit Erde in die Geschäfte kommen könnten. Das weiß man ja, dass die Produkte dann viel länger haltbar wären. Aber nein - Erde ist ja heute der Gottseibeiuns. Alles muss rein, sauber, steril sein. Wenn man heute mit einer Kiste dreckiger Erdäpfel in eine Küche käme - ich glaub', die würden mich raushauen. Und dann wundern wir uns, wenn das Immunsystem auf einmal gegen den eigenen Körper arbeitet - weil es sonst nichts mehr zu tun hat.

Standard: Es werden ja auch über die Werbung trügerische Bilder vermittelt: die Bauernidylle, die reine Harmonie - und dann sind die Konsumenten entsetzt, wenn sie draufkommen: Die Tiere im Biobetrieb werden nicht zu Tode gestreichelt.

Zoubek: Die sprechenden Schweindln, die Orangensaftpackln, die auf dem Baum wachsen - und das geht dann so in die Köpf' hinein. Wir leben doch in einer Zeit, in der alles möglich ist. Die Konsumenten gehen in die Supermärkte und haben das ganze Jahr über ein Vollsortiment. Da denkt ja niemand daran, dass das geplant werden muss, angebaut, betreut, gepflegt, geerntet, gewaschen, aufbereitet, gelagert werden muss. Wenn ich etwas will, dann muss ich's jetzt haben - und nicht ein halbes Jahr warten, bis wieder Saison ist.

Standard: Gleichzeitig ist die Aufmerksamkeitshalbwertzeit schon sehr gering. Kürzlich ist wieder Gammelfleisch aufgetaucht. Und vom Pferdefleischskandal redet kein Mensch mehr, obwohl der gerade einmal ein halbes Jahr her ist.

Zoubek: Und es hat sich nichts geändert.

Standard: Dabei hatte gerade dieser Skandal gut aufgezeigt, wie Lebensmittel in Europa so lange herumtransportiert werden, bis keiner mehr weiß, was drin ist.

Zoubek: Das zeigt nur, dass es im Grunde kein billiges Lebensmittel geben dürfte. Wir haben ja bei Lebensmitteln keinerlei Preiswahrheit mehr. Wenn die Ware derart billig ist, zahlt immer jemand drauf. Der Mensch in der Zweiten, Dritten, Vierten Welt - oder die Tiere - oder die Umwelt. Wenn's billig ist, dann leidet irgendwer. Aber das ist auch unsere Gesellschaft: Erst machen wir was kaputt - und dann müssen wir unheimlich viel Geld in die Hand nehmen, um zu sanieren. Natürlich sind Lebensmittel ein wichtiger Faktor im Warenpreisindex. Und davon hängt wieder unheimlich viel ab: Inflation, Gehaltsverhandlungen und, und, und.

Standard: Aber wenn bei Lebensmitteln der Vollpreis bezahlt werden müsste - wer könnte sie sich noch leisten?

Zoubek: Natürlich ist mir bewusst, dass es viele, viele Menschen gibt, die sich den Einkauf vom Mund absparen müssen - aber es gibt in diesen Familien dann oft auch Handys, Fernseher und, und, und. Ich glaube, das hat vor allem mit Wertigkeiten zu tun. Vielleicht ist uns das Lebensmittel nichts mehr wert, weil es im Überfluss da ist. Und es muss einem bewusst sein: Wir zahlen es ja trotzdem. Über Sanierungen oder Subventionen. Die Kosten sind da - sie sind nur versteckt. Weil alle sagen, es muss billig sein. Wir müssen den Menschen immer wieder bewusst machen: Ihr entscheidet. Mit jedem Euro könnt ihr wählen. Wem gebt ihr ihn?

Standard: Warum spüren die Österreicher weniger ihre Macht - dass sie beispielsweise mit gezieltem Konsum etwas verändern können? In Deutschland scheint das stärker ausgeprägt zu sein als bei uns.

Zoubek: Vielleicht weil drei große Ketten den Markt beherrschen. Natürlich, jeder Einzelne hat die Freiheit zu wählen - aber das ist auch eine Mutfrage. Wir - und damit meine ich jetzt vor allem uns Produzenten - wir sind doch so oft mutlos. Und oft herrscht einfach Angst. Manchmal kommen die Kollegen zu mir und sagen: "Na stell dir vor, jeder tät's so machen wie du." Und ich sage immer: Abkupfern bringt nichts. Ich kann das mit den Kisteln machen, weil ich ein paar Kilometer von Wien entfernt produziere. Wäre ich im Waldviertel, müsste ich mir was anderes überlegen.

Standard: Als Sie Ihren Betrieb im Marchfeld umstellten, war die Gegend ja alles andere als das Zentrum der Biobewegung.

Zoubek: Das dauert noch. Aber vielleicht werden wir die Gegend mit einer Centrope-Initiative revolutionieren. Wir sind draufgekommen, dass Glinzendorf der Mittelpunkt unserer Centrope-Region ist. Wien, Niederösterreich, Burgenland, die Ränder Ungarns, Tschechiens, der Slowakei: sieben Millionen Menschen in einem Umkreis von 150 Kilometern. Was könnte diese Region verbinden? Direktvermarktung? Bio? Wenn man sich die offizielle Centrope-Initiative anschaut, dann steht da was drinnen von Wirtschaft, Infrastruktur, Kultur - aber kein einziges Wort über Landwirtschaft.

Standard: Kann ein Betrieb zu 100 Prozent nachhaltig sein?

Zoubek: Natürlich machen wir letztlich nur Kompromiss-Landwirtschaft und müssen uns ständig weiterentwickeln, besser Humus aufbauen. Es ist noch nie auf einem Etikett draufgestanden: Bioziel erreicht. Ein Biobetrieb muss immer auf dem Weg sein. (Roman David-Freihsl, DER STANDARD, November 2013)

ZUR PERSON: GERHARD ZOUBEK war nach der Matura 13 Jahre Manager im Landmaschinenhandel. Später übernahm er mit seiner Frau Sigrid den Hof ihrer Eltern und baute ihn zum Biohof Adamah mit Direktvermarktung aus. Derzeit werden pro Woche bis zu 6000 Biokisteln ausgeliefert.

Biohof Adamah

  • "Ein Biobetrieb muss immer auf dem Weg sein", sagt Gerhard Zoubek.
    foto: robert newald

    "Ein Biobetrieb muss immer auf dem Weg sein", sagt Gerhard Zoubek.

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